lebendig.
Schreibe einen Kommentar

Wie wir im Alltag mehr „Gemeinschaft“ etablieren können – das Community Research Project

Community Research Project

Gemeinschaften sind Orte, an denen Menschen nicht nur zusammen wohnen, sondern oft auch zusammen arbeiten und leben. Bekannte Gemeinschaften mit sehr unterschiedlichen Schwerpunkten in Deutschland sind beispielsweise das Ökodorf Siebenlinden, das ZEGG oder die Kommune Niederkaufungen. Jeder, der schonmal kurz oder auch länger in einer Gemeinschaft war, weiß, wie groß der Unterschied ist zwischen „hier drinnen“ und „da draußen“.
Susanne Ratka versucht ihm Rahmen ihres „Community Research Project“ herauszufinden, was wir tun können, um auch „da draußen“ öfter ein Gefühl von Gemeinschaft zu erzeugen.

Das passt dazu: Meine unbeschreibliche Zeit im ZEGG

Interview mit Susanne Ratka zum „Community Research Project“

Was ist das Community Research Project?

Wenn man selbst schon in einer Gemeinschaft gelebt hat, wundert man sich manchmal, wie wenig Gemeinschaftssinn es außerhalb von Gemeinschaften gibt. Aber auch da gibt es Gelegenheiten, zu denen wir ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln. Zur Fußballweltmeisterschaft zum Beispiel oder zum Mauerfall. Oder zu Jahrhundertfluten oder bei schlimmen Unfällen. Aber muss es nicht möglich sein, auch ohne diese extremen Ereignisse mehr Gemeinschaftsgefühl in unseren Alltag zu bringen? Das möchte ich mit dem Community Research Project gerne herausfinden.

Die (englischsprachige) Seite von Susannes Projekt findet ihr hier: http://comresp.com/unity/author/susanne/
Welche Gemeinschaften besuchst du im Rahmen deines Community Research Project?

Insgesamt möchte ich 18 Gemeinschaften auf der ganzen Welt besuchen. In jeder Gemeinschaft verbringe ich um die 3 Wochen, je nachdem wie es passt. Im Moment bin ich in Niederkaufungen, Ende Dezember geht es in einen ökologischen Kibbuz in Israel. Dort werde ich dann auch wieder einen Monat sein. Ich bin schon sehr gespannt, wie man in der Wüste ökologisch leben kann – für mich scheint das ein Widerspruch in sich. Auch, welche Rolle die politische Situation für Gemeinschaftsbildung dort spielt finde ich sehr spannend.

Nächstes Jahr geht es im April nach Tamera in Portugal, im Juni dann nach Findhorn, dort ist auch der Sitz des GEN (Global Ecovillage Network).

Die jüngste Gemeinschaft die ich besuche ist Tempelhof, alle anderen sind schon über 20 Jahre alt. Ich arbeite überall mit, auch um die Strukturen, die eine Gemeinschaft zusammenhalten, besser zu verstehen. Im ZEGG war ich im Küchenteam, hier in Niederkaufungen habe ich zum Beispiel bei der Apfel- und Rübenernte geholfen und junge Bäume mit Maschendraht geschützt.

Was ist die Motivation dafür? Welchen Effekt erhoffst du dir davon?

Zum einen wünsche ich mir, dass Gemeinschaften in unserer „normalen“ westlichen Welt mehr anerkannt und ihre Arbeit mehr wertgeschätzt werden. Viele der Werkzeuge, die Gemeinschaften entwickeln können auch anderen Organisationsformen helfen. Deswegen forschen Gemeinschaften ja eigentlich nicht nur für sich, sondern für das Wohl der Gesellschaft. Beispiele dafür sind das „Forum“ im ZEGG, eine Kommunikationsform für Gruppen um sich regelmäßig auszutauschen, Gewaltfreie Kommunikation, oder soziokratische Entscheidungsmodelle.

Mein erster Besuch im Rahmen des Community Research Project war im Ökodorf Siebenlinden. Vieles in diesem nachhaltigen und ökologischen Modelldorf könnte in jedem normalen Dorf umgesetzt werden.

Im Kern des Projekts liegt der Wunsch herauszufinden, was Gemeinschaften zusammenhält.  Vielleicht gibt es ja Komponenten die sich übertragen lassen und uns helfen wieder mehr Gemeinsinn zu entwickeln.

Nicht zuletzt möchte ich auch anderen Menschen in meinem Alter Mut machen, sich darauf zu besinnen, welchen Fußabdruck sie hinterlassen möchten in der Welt. Ich habe mit 66 quasi nochmal von vorne angefangen. Ich habe noch so viel Energie und möchte einfach was bewegen in der Welt. Es wäre schön, wenn noch mehr ältere Leute sich wieder an ihre Träume und Ideale erinnern, in ihre Lebendigkeit finden, sich austauschen und ihre Lebenserfahrung einbringen. Ich finde es sehr schade, dass das Gelernte oft nicht weitergegeben wird und dadurch verloren geht.

Wie unterscheiden sich bisher die Menschen in den Gemeinschaften?

Weniger als man denken würde. Es sind unterschiedliche Beweggründe, die Menschen in eine Gemeinschaft führen, aber in einer Untersuchung wurde festgestellt, dass über Kultur- und Ländergrenzen hinweg mehr Verbindendes besteht als mit den eigenen Landsleuten.

In unserer Gesellschaft gibt noch zwei große Tabuthemen – geteilte Liebe und geteiltes Geld. Und zu beidem gibt es Gemeinschaften, die dieses Thema ins Zentrum ihrer Philosophie stellen. Das ZEGG ist bekannt für experimentelle Lebensformen, die die freie Liebe in den Mittelpunkt des Zusammenlebens stellen. In der Kommune Niederkaufungen wiederum gibt es eine gemeinsame Ökonomie also einfach gesagt ein Konto für alle 80 Bewohner, von denen immerhin 60 Erwachsene sind. Beide Gemeinschaften habe ich im Rahmen meines Projektes schon besucht.

Was machen Gemeinschaften mit Menschen? Wie unterscheiden sich die Menschen, die in Gemeinschaften leben von denen die „draußen“ leben?

Wenn ich in einer Gemeinschaft bin, überkommt mich immer eine grundlegende Entspannung. Es gibt weniger Konkurrenzdenken, es ist sehr wenig wichtig wie man aussieht. Viel wichtiger ist, wie offen man ist und ob man bereit ist, etwas zusammen zu bewegen. Auch das Alter ist nicht so wichtig, es geht mehr darum wer man als Mensch ist, weniger um die Rolle die man spielt. „Sein“ ist wichtiger als „Schein“.

Oft habe ich gehört, dass das Ankommen in einer neuen Gemeinschaft wie eine neue Liebe ist. Am Anfang ist alles schön (die rosarote Brille), aber irgendwann kommt der Alltag, da muss man dann auch durch. Überall in den Gemeinschaften gibt es deshalb Probezeiten in denen man dann herausfinden kann ob es passt.

Was man in Gemeinschaften auch wieder lernen kann, ist hierarchiefrei zu arbeiten. Wir sind das ja gar nicht mehr gewohnt, dass uns keiner sagt was wir machen sollen und wir selbst in die Verantwortung gehen für unser Handeln.

Welche positiven Effekte hat Gemeinschaft für dich?

In unserer westlichen Welt leiden wir an mangelnder Kommunikation, weil wir uns verlieren im Arbeiten und im Tun. Dann treffen wir uns eigentlich gar nicht mehr richtig. In Gemeinschaften gibt es dafür Intensivzeiten. In diesen Zeiten gibt es einen Fokus auf die Gemeinschaft, also die Menschen. Jeder versucht, sich für diese Zeit möglichst frei zu machen von der Arbeit. Dadurch kommen sich die Menschen wieder ganz anders nahe. Das ist dann die Gelegenheit, selbst die ganzen Übungen mal wieder selber zu machen, die man sonst immer anderen beibringt.

Grundsätzlich versuchen Gemeinschaften, verantwortlicher zu leben, auch ökologisch. Und der Vereinzelung entgegenwirken. Es ist doch Wahnsinn, dass in Städten wie Stockholm 40% Singles leben!

Ist es einfacher oder schwieriger, innerhalb einer Gemeinschaft an den eigenen Prozessen zu arbeiten?

Beides –  man ist ständig mit den Bedürfnissen anderer Menschen konfrontiert. Und es ist schwieriger, eigene Bedürfnisse zu spüren und nein zu sagen, wenn man etwas nicht kann oder nicht möchte, aber man lernt auch viele neue Methoden sich zu erforschen und auseinanderzusetzen. Vor allem wenn man neu ist, versucht man es allen Recht zu machen. Aber auch das ist ein wichtiger Lernprozess.

Worüber freust du dich am Meisten in deinem Community Research Project?

Über die vielen tollen Menschen, die ich kennenlerne. Der Austausch ist nicht so oberflächlich, es gibt mehr tiefgreifende Gespräche. Im normalen Alltag hat man das vielleicht mal mit einem Freund oder einer Freundin, aber nicht so regelmäßig wie in Gemeinschaften. Das will ich nicht mehr missen.

Warum haben wir überhaupt angefangen, so stark individualisiert zu leben?

Die heutigen Marktmechanismen fördern das extrem, sich zu vereinzeln. Hier in Niederkaufungen kommen 60 Erwachsene und 20 Kinder mit 3 Waschmaschinen aus, das ist in anderen Gemeinschaften auch so. In der „normalen Welt“ hätten die vermutlich mindestens 30 Waschmaschinen, eher mehr.

Ich glaube auch, dass das was mit dem Individualisierungswahn zu tun hat – wir wollen alle etwas Besonderes sein und posten ständig Selfies von uns. Jeder will was Spezielles sein und das zeigt man durch seine Kleidung, die neuesten Gadgets und wie man wohnt.

Das Paradoxe ist, nirgends gibt es mehr Individualisten als in Gemeinschaften. Da geht es dann allerdings weniger um Besitz, viele sind einfach sehr stark in ihrer eigenen Persönlichkeit, sonst wählt man solch einen Weg gar nicht für sich.

Glaubst du, dass Gemeinschaften die Lebensform der Zukunft sind?

Ich glaube nicht, dass das im „Großen“ der Fall sein wird. Zumindest auf der regionalen Ebene könnte das aber dennoch gut funktionieren. Dann aber in einer anderen Gesellschaftsform. Ob eine Gesellschaft aus Gemeinschaften im größeren Zusammenhang funktionieren würde, weiß ich nicht. Wichtig ist, dass man da wo man ist, gut vernetzt ist und überleben kann. Die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat über den gesellschaftlichen Wert von Commons viel geforscht und am überlebensfähigsten am resilientesten scheinen sogenannte polyzentrischen Systeme zu sein – lokal gut vernetzt und divers.

In Niederkaufungen wo ich gerade bin, gibt es z.B. eine Schlosserei, eine Bau- und Möbeltischlerei, eine Tagespflege für Demenzkranke, einen Kindergarten (auch mit vielen Kindern von außerhalb), ein Catering-Business und noch vieles mehr. Hier findet also ein Gemeinschaftsleben statt, was viel mit der „normalen Welt“ im Austausch ist. Ich glaube, das ist ein guter Weg.

Wer ist deine „Zielgruppe“ mit dem Community Research Project?

Ich bekomme vor allem viele Rückmeldungen von jüngeren Leuten, zum Beispiel auf NGO-Konferenzen. Das sind meistens Menschen um oder unter 30. Vor allem Frauen finden es ganz toll, in meinem Alter nochmal so einen Schritt zu machen.

Susanne Ratka

 

Wie finanzierst du das Projekt?

Im Moment finanziere ich alles selbst von meinem Erspartem. Ich habe angefangen, mich um EU-Förderungen oder Stiftungen zu kümmern, das war aber bisher noch nicht erfolgreich. Vor Allem, weil ich nicht gemeinnützig bin.

Im Moment plane ich, im Februar/März 2018 eine Crowdfunding Aktion für das Community Research Project zu machen und noch einmal Stiftungen anzuschreiben, ich gebe viel Energie in das Projekt und glaube daran, dass das Geld da sein wird, wenn ich es brauche.

Das wird sich schon alles irgendwie finden, manchmal muss man auch Risiken eingehen. Es ist nicht so, dass ich nie Angst habe oder auch mal zweifle, das kann ich aber immer wieder gut loslassen.

Liebe Susanne, vielen Dank für deine Zeit und deine Auskünfte. Es hat mich sehr gefreut und ich wünsche dir alles Gute für dich und dein Projekt!

Wer ist Susanne Ratka?

Susanne ist zu Beginn ihres Projektes 66 Jahre alt. Sie hat im Mai 2017 ihren bürgerlichen Job beendet und wollte etwas Sinnvolles tun und nochmal etwas bewegen, in der Zeit die ihr bleibt auf unserer wundervollen Erde. Bis dahin hat sie bereits 1 Jahr nebenberuflich ihr Projekt vorbereitet. Schon allein davor habe ich wahnsinnigen Respekt.

Auf dem Trecker in Niederkaufungen

Susanne hat bereits früher in einer spirituellen Gemeinschaft gelebt, sich allerdings nach 10 Jahren Gemeinschaftsleben erstmal anders orientiert. „Alles hat seine Zeit, und die war damals einfach vorbei“ sagt sie. Dennoch hat sie der Gedanke an Gemeinschaft durch ihr Leben begleitet

2007 ist sie zusammen mit ihrem Partner nach Auroville gegangen, einer Gemeinschaft im Südosten Indiens. Die klimatischen Bedingungen haben beiden allerdings mehr Probleme gemacht als angenommen. Aus diesem Grund ging es nach 3 schönen Monaten wieder zurück nach Europa.

Nach mehreren Zwischenstopps, unter anderem in Italien, hat Susanne dann am IBZ gearbeitet, dem Internationalen Begegnungszentrum der Wissenschaft. Dort leben Wissenschaftler aus der ganzen Welt auf Zeit zusammen, es gibt viele von der Humboldt-Stiftung gegründete IBZ-Häuser in ganz Deutschland. Diese Tätigkeit war auch die letzte, bevor es losging mit dem Community Research Project.

Nach Abschluss dieses Projektes kann sie sich auch vorstellen, wieder in eine Gemeinschaft zu ziehen. Ob, wann und welche das das sein wird, darüber macht sie sich im Moment aber noch keine Gedanken.

So what – wie können wir nun mehr Gemeinschaft in den Alltag bringen?

Auch wenn ihr Projekt natürlich lange noch nicht abgeschlossen ist, habe ich nun eine Idee, wie mehr Gemeinschaft im Alltag gehen kann. Umso mehr Menschen im Rahmen einer „geschützten“ Gemeinschaft wie den obigen gelernt haben, wie echtes Zusammengehörigkeitsgefühl sich anfühlt, umso größer ist die Masse an Menschen die dieses auch im Alltag „draußen“ leben kann.

Der Kernpunkt von Gemeinschaftssinn ist für mich in diesem Kontext Offenheit und Vertrauen. Das Ablegen von Masken. Zu seinen „Unfertigkeiten“ stehen und angstfrei kommunizieren wie es einem gerade geht. Ich glaube, dass diese drei Schritte dabei helfen können:

  1. Sensibilisieren: Es gibt sehr, sehr viele Menschen die noch nie in ihrem Leben spüren durften, wie sich echte, offene und „maskenlose“ Gemeinschaft anfühlt. Erzähl Leuten davon, wo immer es passt. Es ist ein kleiner Beitrag, aber es ist einer.
  2. Üben und vorleben im Alltag: Sei achtsam mit dir selbst. Gibt es nicht auch Situationen, in denen du Gemeinschaft unbewusst zerstörst oder verhinderst? Aus Angst, aus Bequemlichkeit? Bei mir gibt es die. Achte darauf, welche Dynamik du in Gruppen einbringst, übe nach und nach die Maske abzulegen. Wenn du mit mutigem, offenen Beispiel vorangehst tun das vielleicht auch andere.
  3. Setze kleine „Leuchttürme“ für dich: In Hannover habe ich eine kleine Frauengruppe von 4 Frauen, die sich regelmäßig trifft und austauscht. Zu allen Themen, die uns gerade wichtig sind, es gibt keine Tabus. Alles kann, nichts muss. Wir sind füreinander da, immer mal wieder eine kleine Gemeinschaft auf Zeit. Und das bedingungslos. Kannst auch du eine solche Gruppe in deinem Freundes- oder Bekanntenkreis gründen? Oder dich zu einer dazugesellen? Zur Not geht sowas auch telefonisch.
  4. Vertraue Menschen öfter, auch wenn du sie nicht kennst: Ein Hauptunterschied innerhalb einer Gemeinschaft ist für mich, dass jeder, der dort ist einen bestimmten Vertrauensvorschuss genießt. Schon, weil er HIER ist. Warum machen wir das nicht auch mit anderen Menschen? Nicht naiv und immer das Bauchgefühl im Blick, aber sich öfter mal zu öffnen kann sehr helfen. Weniger Angst haben. Alle Menschen werden „gut“ geboren.

Ich freue mich auf deine Meinung – entweder in den Kommentaren oder an luise@zeitgeistich.de!
Und wenn du den Artikel magst – spread the love and share the happiness (auf Facebook, Twitter, G+ oder wo du sonst bist). Ich danke dir von Herzen.

Beiträge die dich vielleicht auch interessieren:

Deine Meinung dazu...