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Die ewige Sucht nach Veränderung – und wie man damit umgehen kann

Sucht nach Veränderung

Ich will irgendwas krasses machen, wenn es geht bitte sofort. Haare abschneiden? Naja, bisschen langweilig. Umziehen könnte ich mal wieder. Oder von dem Typ trennen? Einen neuen Job brauche ich eigentlich auch schon lange. Hmpf, alles anstrengend und kompliziert. Naja, dann heute erstmal Kino-Abend, mehr Ablenkung geht auf die Schnelle nicht. Morgen kümmere ich mich um ein neues Hobby. Erstmal Möbel umstellen und dann Ernährung umstellen. Hauptsache Veränderung. Kommt dir das bekannt vor? Ich nenne es meine Sucht nach Veränderung.

Meine Therapeutin hat mal gesagt „Mit Ihnen wird es auf jeden Fall nie langweilig.“ Da hat sie wohl Recht. Es gibt Zeiten, in denen ich total gut damit umgehen kann, dass sich (fast) nichts verändert. Und dann gibt es Zeiten, da habe ich eine regelrechte Sucht nach Veränderung. Da dieser Zustand anstrengend ist, habe ich angefangen mir dazu mehr Gedanken zu machen. Woher kommt diese Sucht nach immer neuen Beschäftigungen? Letztendlich sind es Beschäftigungen für den Kopf, irgendwas worüber ich nachdenken und womit ich mich beschäftigen kann. Das Ergebnis im „außen“ ist gefühlt zweitrangig. Es geht nicht darum, WAS sich verändert, sondern darum DASS sich etwas verändert.

Meine Gedanken dazu möchte ich heute mit dir teilen.

Woher kommt die Sucht nach Veränderung?

1. Das Internet entscheidet schnell. Wir entscheiden langsam.

Ein neuer Post, ein neues Video, ein neuer Artikel und hier noch das allerneueste Produkt. Und ein neuer Onlinekurs! Der hat einen neuen Freund und die macht gerade einen total krassen Urlaub!
Im Internet gibt es ständig was neues. Unser Hirn versteht nicht, dass das, was da auf Instagram passiert nicht alles gleichzeitig der gleichen Person passiert. Wir werden der Menge an Informationen nicht mehr Herr und haben das Gefühl, ganz viel tun/lernen/erleben/kaufen zu müssen, um auch nur ansatzweise Schritt zu halten.

2. Wir können bei fast allem immer wieder neu wählen, bei nahezu unbegrenzter Auswahl.

Ein neuer Partner? Tinder. Ein neues Sofa? Ikea. Eine neue Wohnung? Immoscout. Ein Job, am besten im Ausland? Monster & Stepstone. Neue Bücher (oder sonst neuen Krempel)? Amazon. Eine tolle, neue Reise? AirBnB. Ein neues Auto? Mobile.de. Ein neues Haustier? Kein Problem. Alles kein Thema, in wenigen Klicks ist es verfügbar.

Was immer uns in den Sinn kommt, wir können uns sofort nach Alternativen für ALLES umschauen. Früher musste man wenigstens noch eine Zeitung kaufen mit Stellenangeboten (und die gab es bei uns nur mittwochs und am Wochenende). Man musste wenigstens in eine Bar gehen oder sich einen Verein suchen, um jemanden kennenzulernen. Man musste das Haus verlassen, um ein Buch zu kaufen. Dadurch sind vermutlich viele „Eigentlich würde ich gerne“-Gedanken genauso schnell wieder gegangen, wie sie gekommen sind. Heute können wir sie sofort festhalten und eine echte Handlungsoption aus ihnen machen.

3. Uns wird erzählt, wir können alles schaffen. Immer. Wenn wir nur wirklich wollen.

Stillstand ist die Pest. Es ist wie verloren haben. „Was gibts neues?“ Stell dir vor, du antwortest „nichts“! Was, wenn ich heute gar nichts mehr schaffen will? Wenn es heute nichts neues mehr geben soll? Ist nicht vorgesehen.

Wenn wir alles schaffen können, müssen wir doch auch ganz viel schaffen wollen! Oder? Wir sind die erste Generation – diese Generation Y – die eine noch viel freiere Wahl hat was wir mit unserem Leben machen wollen. Und wenn einem die ganze Welt offen steht – wie kann man denn dann freiwillig zu Hause bleiben? Es entsteht eine Sucht nach Bedeutsamkeit und eine Sucht nach Veränderung.

4. Wir müssen uns nicht mit den wirklich wichtigen Themen beschäftigen

Mittlerweile ist für mich (ganz persönlich) klar, dass dieses „Immer etwas Neues“ vor Allem auch ein Weglaufen ist. Innere Unruhe, vielleicht ein bisschen Unzufriedenheit, innere Konflikte die anklopfen. Sich mit den eigenen Eltern wirklich auseinanderzusetzen oder mit der vergangenen Beziehung, die Verletzungen hinterlassen hat. Bääääh, das könnte ja anstrengend werden.
Einen der vielen Neuanfänge zu beginnen (ich könnte ein Instrument lernen? Oder Spanisch?) ist doch viel, viel einfacher als sich mit dem Müll von gestern zu beschäftigen, der mich vielleicht unterbewusst doch mehr prägt, als ich zugeben will. Also flüchten wir uns

5. Wir haben Angst, etwas zu verpassen.

Jede Entscheidung gegen eine Option ist immer auch ein Verzicht. Ich werde in diesem Leben nicht mehr wissen, wie es ist mit 20 Mama zu sein, mit 23 ein Unternehmen gegründet zu haben oder mit 18 in die Staaten auszuwandern. Das ist alles entschieden. Finito. Unwiederbringlich. Und das macht Angst, wenn man gewöhnt ist immer alles haben und machen zu können.Wir könnten was verpasst haben. Was wenn GENAU DIESER Job die Wende wäre in unserem ganzen Lebenslauf? Oder DIESE Stadt? Oder DIESER Partner?

Was, wenn ich diese Tür verschlossen lasse, daran vorbei gehe und niemals weiß, was sich dahinter verbirgt? Vielleicht sogar den Schlüssel wegwerfe, weil ich ganz sicher bin, ihn nicht zu brauchen? Und was ist mit den ganzen anderen Türen? Und so bleiben wir erstmal stehen und betrachten Türen. So lange, bis einige von alleine zu gegangen sind.

6. Die Sucht nach Veränderung ist eine der wenigen Süchte, die gesellschaftlich sehr anerkannt ist.

Es sind die allerwenigsten Freunde die bei der dritten großen Reise in Folge sagen „Kann es sein, dass du vor irgendwas flüchtest“? Erstmal gibt es ziemlich viele Likes auf Facebook und Instragram für das coole Foto auf dem Elefanten.

Wenn Bekannte Alkohol- oder Drogenabhängig sind, werden sie irgendwann darauf angesprochen. Schämen sich dafür. Wollen verheimlichen. Es gibt ein Gesellschaftliches Dogma was sagt „Alkoholsucht ist böse“. Sich hingegen ständig mit neuen Themen zu befassen gilt als ehrgeizig, vielseitig interessiert, aktiv und lebendig. Grundsätzlich ist es ja auch schön, wenn Menschen sich viel beschäftigen. Und wie immer macht die Menge das Gift. Übermäßige Aktivität wird allerdings nur sehr selten von unserem sozialen Umfeld als Sucht identifiziert. Deswegen können wir erstmal weiter machen. Nicht nur unbemerkt, sondern auch noch gelobt.

Warum ist es sinnvoll, diese Sucht nach Veränderung in den Griff zu bekommen? Und wie geht das?

Immer dann, wenn die Balance nicht mehr da ist entsteht ein Problem. Innen und Außen. Aktivität und Ruhe. Yin und Yang. Licht und Schatten. Diese Eigenschaft des Streben nach Neuem ist – in einem gewissen Maß – natürlich etwas sehr sinnvolles. Ohne den Forscher-und Erlebensdrang der Menschheit und die Freude am Entdecken wären wir als Gesellschaft nicht da, wo wir sind. Und mit Sicherheit ist viel davon auch eine Frage der Veranlagung. So weit, so gut.

Und trotzdem bringt uns die Sucht nach Veränderung weg von uns. Weg von den Menschen, die wir eigentlich sind. Übersteigerte Aktivitäten nähren unser Ego, aber nicht unsere Seele, wenn sie aus den falschen Gründen stattfinden. Unser Geist hat gar nicht genug Zeit, alles zu verarbeiten was um uns herum passiert. Ich hatte schon viele solcher Phasen. Und mittlerweile kann ich mich selbst da relativ schnell wieder beruhigen.

Wie ich damit umgehe:

1. Zugeben. Nicht vor anderen, sondern vor mir.

Mittlerweile merke ich recht schnell, wenn ich in diesem Modus bin. Es gibt neue Themen aus Freude daran und aus „für-mich-sorgen“ und es gibt neue Themen aus Ablenkung. Das zu unterscheiden erfordert ein bisschen sich-selbst-kennen, geht aber eigentlich relativ schnell. Und natürlich ist es hilfreich, wenn einen gerade am Anfang bei diesen Erkenntnissen begleitet.

Dazu passt: Warum die Welt ein besserer Ort ist, wenn mehr Menschen einen Therapeuten haben

2. Nachsichtig sein mit mir.

Ich mache das nicht im Absicht oder weil ich zu doof bin für anderes Verhalten. Es ist ein Muster, was ich gelernt habe und was jahrelang gut funktioniert hat. Und das ist ok. Ich merke es und werde achtsamer mit mir. Das ist doch was schönes.

3. Zur Ruhe kommen.

Da hat jeder seinen eigenen Weg. Ich nehme mir dann oft die Zeit zu meditieren oder Yoga zu machen. Ein gutes Gespräch mit einem engen Freund hilft auch. Alles was Ruhe und Sicherheit gibt. Die Sicherheit, gemocht zu werden und nichts sein zu müssen. Und auch einfach mal aushalten, dass man gerade unruhig ist. Auch das gilt es, anzunehmen.
Es ist im Übrigen spannend zu beobachten, dass mein anderes Ablenkungsverhalten (Essen) und auch diese Sucht nach Veränderung nicht präsent sind, wenn ich zum Beispiel im ZEGG bin. Dann bin ich ganz bei mir und alles ist gut, genau so, wie es jetzt gerade ist.

4. Wieder vertrauen, dass alles für irgendwas gut ist.

Schön ist ja, dass diese Phasen von höchster Aktivität oft von einem Gefühl der Überforderung begleitet werden. So ist man ganz natürlich dazu angehalten, wieder etwas kürzer zu treten, um wieder in Balance zu kommen.

Und letztendlich helfen diese vielen Aktivitäten auch immer wieder, mir die Bausteine rauszusuchen die ich in meinem Leben haben will und alles andere rauszuschmeißen. Und „zu viel machen“ ist ein sehr guter Grund um Bausteine rauszuschmeißen. Also ist auch das wieder für irgendwas gut. Stichwort Minimalismus im Terminkalender 🙂

Dazu passt: Warum Minimalismus nicht nur was mit Gegenständen zu tun hat

Diese Artikel habe ich übrigens im „Makers of Barcelona“ CoWorking Space geschrieben. Und gestern schon darüber nachgedacht, ob ich nicht nach Barcelona ziehen sollte 😀 Schön hier. Aber schön, um zu Besuch zu sein. Umzug ist gerade einfach nicht dran.

Was denkst du darüber? Ich freue mich auf deine Meinung – entweder in den Kommentaren oder an luise@zeitgeistich.de!
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