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Warum Digitalisierung und Nachhaltigkeit untrennbar zusammengehören

Digitalisierung und Nachhaltigkeit

Kürzlich war ich mit einer Freundin im Urlaub, die noch sehr viel mehr als ich dem „Öko-Klischee“ entspricht. Ein paar übriggebliebene Dreads auf dem Kopf, kein Auto, viel mit dem Rad unterwegs. Sie kauft lokale Lebensmittel und ich bin gar nicht sicher, ob sie ein Smartphone hat. Ich glaube nicht. Und sie ist einer der relativ „neuen“ Menschen in meinem Leben, für die ich unfassbar dankbar bin 🙂
Nach unserem Urlaub sagt sie eine sehr spannende Sache zu mir. Sie findet, dass meine technikverliebte BWLer-Seite (ich habe einen Sprachassistenten, digital gesteuerte Heizungen und App-gesteuerte Lampen sowie ein BWL-Privatuni-Studium) und meine Nachhaltigkeits-Öko-Seite (Mülltrenn-Nazi, Bio-Seifenstückchen für die Haare und plastikfreier Supermarkt) sich total widersprechen. Digitalisierung und Nachhaltigkeit passen nicht zusammen? Wirklich? Ich fing an, mehr darüber nachzudenken. Und möchte meine ersten Gedanken heute mir dir teilen.

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Dieses furchtbare Touri-Foto ist in Glasgow entstanden, vor einem sogenannten City Tree von „Green City Solutions“. Ein unfassbar spannendes Unternehmen, das mit diesen Wänden die Luftqualität in Innenstädten verbessern will. Voll vernetzt, versteht sich. Das Moos bindet Feinstaub und Stickoxide und produziert Sauerstoff. Die Bewässerung funktioniert voll automatisch, ebenso werden die Umgebungsdaten getrackt und Veränderungen in der Luft wahrzunehmen.

1. Digitalisierung macht Ressourcennutzung sehr viel effizienter

Es gibt viele Beispiele, bei denen diese neuen, hippen Produkte unnötig viel mehr Strom oder Plastik oder was auch immer verbrauchen. Für mich gehören Fitnessarmbänder dazu. Auch wenn das je nach Nutzung für andere Menschen natürlich anders sein kann. Oder SmartHome-Kameras, wenn man eigentlich gar nichts überwachen muss. Oder überhaupt alles was Daten produziert oder Strom verbraucht, ohne dabei gleichzeitig etwas Gutes, Sinnvolles oder Erfreuendes zu tun.

Beispiel 1: Heizungssteuerung

Und dennoch gibt es viele Beispiele dafür, dass digitale Produkte die Ressourcennutzung sehr effizient machen. Die smarten Heizkörper-Thermostate (ich habe welche von Tado) verbrauchen zwar Energie in Form von Batterien, die alle 2 Jahre getauscht werden müssen. Sie sparen gleichzeitig aber relativ viel Heizenergie. Und es macht mir Spaß, dieses Gefühl der digitalen Effizienz. Zum Beispiel wenn ich die Temperaturverlauf-Grafiken anschaue, während ich im Urlaub bin.

Beispiel 2: Shuttle-Services & Autonomes Fahren

Wie viele Auto-Kilometer wir jedes Jahr sparen, weil sich Leute dank GoogleMaps nicht mehr verfahren? Keine Ahnung, aber vermutlich einige. Und ja, Shuttleservices wie Allygator oder MOIA benötigen erstmal eigene, zusätzliche Fahrzeuge. Sie sind aber ein Bestandteil von so vielen, neuen Mobilitätsalternativen, dass Menschen ganz langsam anfangen, zumindest mal auf ein Zweitauto zu verzichten.
Autonome Fahrzeuge werden auch erst einmal eine technische Spielerei sein die einer kleinen Gruppe an Menschen nützt. Aber wenn man das weiter denkt können wir mit den Ressourcen für ein Auto gleich viele weitere Autos einsparen. Wenn es kein sinnloses Die-Ampel-wird-grün-Rennen mehr gibt, verringert sich der Kraftstoffverbrauch. Bei diesem Thema könnte ich quasi endlos weiter machen 🙂 Aber nicht heute.

Beispiel 3: App-gesteuerte Lampen

Lampen, die automatisch aus gehen, wenn die Bewohner das Haus verlassen oder schlafen gehen, führen zu selteneren „Hups, Licht vergessen“-Situationen und sparen somit auch Strom. Und sie können vor Einbrechern schützen, weil man nicht weiß ob ein Mensch oder eine App das Licht an gemacht hat.

Beispiel 4: Lebensmittel

Der Thermomix, der selbst Zutaten in passenden Mengen bestellt führt vielleicht irgendwann dazu, dass wir weniger Essen wegschmeißen und stärker saisonal kaufen. Und mit ganz viel Idealismus vielleicht auch dazu, dass Menschen sich gesünder ernähren, weil genau das eben einfacher wird, wenn es quasi einen Koch-Roboter zu Hause gibt. Ebenso Angebote wie HelloFresh (wobei für beides die Lieferung und Verpackung noch nachhaltiger werden muss).

Ich höre jetzt mal auf, ich glaube der Punkt ist klar geworden 😉

2. Es ist sehr viel leichter, Gleichgesinnte zu finden. Das macht uns stärker und gibt uns Macht.

Das Paradebeispiel dafür ist für mich die Plattform Change.org. Nicht abgeschobene Klassenkameraden, politische Aktionen gegen Rechts, soziale Ungerechtigkeit wenigstens ein bisschen ausgleichen. Ohne diese digitale Unterschriftensammlungs-Plattform gäbe es viele Erfolge davon nicht. Und vor allem das Gefühl einzelner Menschen oder kleiner Gruppen, etwas verändern zu können.

Ein weiteres Beispiel ist natürlich Facebook. Über Gruppen oder Veranstaltungs-Empfehlungen ist es heute sehr viel einfacher geworden, mit Menschen in Kontakt zu kommen die das gleiche Weltbild haben wie man selbst. So können gemeinsam Projekte umgesetzt werden, die Städten, Gemeinden, Kindergärten, Sportvereinen oder Einzelpersonen helfen. Und damit immer auch ein bisschen der Gesellschaft.

3. WIR wählen aus, welche und wie wir digitale Produkte nutzen

Natürlich kann man all die genannten Produkte auch so nutzen, dass sie mehr schaden als nützen. Wie bei nicht-digitalen Produkten auch ist es letztendlich die Verantwortung von uns Konsumenten, was und wie wir nutzen. Ich kann den Technik-Vermietservice GROVER nutzen, um die Nachfrage nach unnötigem Technik-Schnickschnack weiter zu befeuern oder um erstmal etwas auszuprobieren, bevor ich es wirklich kaufe. Ersteres verschwendet Ressourcen, zweiteres kann sie sparen.

Facebook kann genutzt werden, um rechtes Gedankengut oder AfD-Slogans zu verbreiten, oder aber positive Nachrichten in die Welt zu tragen und sie zu verändern. Jeden Tag ein kleines bisschen.

Es ist noch stärker unsere Aufgabe, achtsam zu sein. Dafür, was diese Produkte mit unserer Umwelt machen und auch dafür, was sie mit uns machen. Tun sie uns gut?

4. Digitale Produkte können Nachhaltigkeit massentauglich machen

Der für mich wichtigste Punkt. Ich bin Betriebswirtin. Adam Smith und die unsichtbare Hand und so. Verlange von keinem Menschen, gegen seine Interessen zu handeln. Menschen konsumieren, was ihnen einen Vorteil verschafft. Dagegen kann man sich wehren und diese Leute als Kapitalisten beschimpfen. Oder man lebt damit und „instrumentalisiert“ diese Eigenschaft sinnvoll. Wie das gehen könnte?

Warum heute eher wenige Menschen versuchen, nachhaltig zu leben

Heute ist es durchaus mit teilweise großem Mehraufwand verbunden, nachhaltig zu leben. Man muss schon bereit sein, in einen bestimmten Supermarkt zu fahren, ein Haufen Gläser mitzunehmen um vor Ort seine Sachen verpackungsfrei abzufüllen. Man muss die Zeit aufbringen (können), um selbst sein Waschmittel herzustellen. Oder sich so lange mit Klamottenmarken auseinanderzusetzen, bis man sicher ist etwas nachhaltiges gefunden zu haben. Biomüll zu trennen ist – besonders in der Stadt – aufwändiger, als alles in eine Tonne zu schmeißen. Auch wenn es Abfuhrkosten sparen würde. Jeden Abend rumlaufen und alle Heizungen runterdrehen um morgens tierisch zu frieren. Ein kleines bisschen Idealismus ist also Grundvoraussetzung für Umweltschutz?

Für mich ist es total nachvollziehbar, dass nur eine sehr kleine Menge von Menschen heute wenigstens versucht, nachhaltig zu leben. Auch wenn ich in meiner sozialen Blase das Gefühl habe, dass es doch eigentlich schon ziemlich viele gibt. Menschen mögen es vor allem bequem und das ist ok. Es gibt Themen, da stelle ich auch Bequemlichkeit über Nachhaltigkeit (wenn es -10 Grad sind und schneit, fahre ich auch mal mit dem Auto wohin, obwohl es Fußweg oder Bahn gäbe). Und ich glaube, dass Digitalisierung die Macht hat, Dinge bequem UND nachhaltig zu machen.

Wie Digitalisierung dabei helfen kann, Nachhaltigkeit massentauglich zu machen

Der Supermarkt kommt zu dir statt du dorthin (oder eine Drohne fliegt wenigstens deine Gläser hin)? Das Waschmittel kann vom nächsten Bauernhof direkt bestellt werden und wird am gleichen Tag geliefert? Kleidungsherstellung, Kosmetikherstellung oder Abgaswerte werden immer transparenter? Und für Konsumenten einfacher nachvollziehbar? Und der Kompost kümmert sich selbst um seine Zusammensetzung und riecht deswegen auch im Hochsommer nicht unangenehm? Alles möglich.

Man kann von niemanden verlangen, gegen seine eigenen finanziellen oder zeitlichen Interessen nachhaltig zu leben. Nur weil es zum neuen, „guten Menschen“ gehört, die Umwelt zu schonen heißt das noch nicht, dass es jeder macht. So viele Menschen leben in einem so anderen sozialen Umfeld, dass sie oft auf die Idee der Mülltrennung gar nicht kommen. Deswegen – lasst es uns einfacher machen für Menschen nachhaltig zu leben. Die einfachste Lösung (die dank Gamification vielleicht auch noch Spaß macht) kann auch gleichzeitig die Nachhaltigste sein, wenn wir das wollen. Davon bin ich fest überzeugt.

5. Selbstreflektion und Bewusstwerdung kann auch durch digitale Produkte erreicht werden (natürlich nicht nur)

Ich glaube, dass unsere „Immer mehr haben wollen“ Mentalität einer der wichtigsten Gründe ist, warum es unserer Umwelt und vielen Menschen in ihr so schlecht geht. Es gibt diesen schönen Spruch von Richard David Precht „Von dem Geld was wir nicht haben, kaufen wir Dinge die wir nicht brauchen um Menschen zu imponieren, die wir nicht mögen.“. Es fasst im Kern die Tatsache, dass Menschen sich mit jedem Unsinn ablenken, um sich bloß nicht mit sich beschäftigen zu müssen.

Auch zur Auflösung dieses „Auswuchses“ unserer heutigen Gesellschaft können digitale Produkte helfen. Es gibt Meditations-Apps, die mehrfach täglich daran erinnern, im Moment zu leben oder kurz innezuhalten. Für spontane Krisen gibt es Podcasts wie den von Laura Seiler „Happy, Holy and Confident“. Sie ist quasi meine Online-Therapeutin, zusammen mit den Yoga-Youtube-Videos von Adriene. Nach einer Stunde „mit den beiden“ bin ich wieder mehr in meiner Mitte. Und kann die Energie aufbringen, einmal mehr nach BPA-freien Trinkflaschen oder echter fair-trade-Schokolade zu suchen. Online, versteht sich.

Glückliche Menschen konsumieren nicht

Oder wie Gerald Hüther es sagt „Glückliche Menschen konsumieren nicht“. Es gibt wohl nichts umwelt- und menschenfreundlicheres. Und das Internet ist heute eine nicht enden wollende Quelle von Inspiration für persönliches Wachstum, die eigene Selbstreflektion und die Heilung der eigenen, emotionalen Wunden. Das ist in meinen Augen das Beste, was wir unserer Umwelt – Menschen sowie Natur – schenken können. Friede mit uns selbst.

Vielleicht zwingt uns das schier unendliche Angebot an Produkten, Services, Eindrücken oder möglichen Unternehmungen auch einfach dazu, uns wieder mehr auf uns zu besinnen. Und vielleicht lehrt es uns irgendwann, dass es echten, materiellen Mangel zumindest in unserer westlichen Gesellschaft kaum noch gibt. Was uns fehlt ist vor allem emotionale Fülle, keine materielle. Und ja, auch für diese Weltsicht muss man ein bisschen naiv und noch mehr Idealist sein: Wenn uns materiell nichts mehr fehlt – vielleicht fangen wir dann noch stärker an zu ergründen was es eigentlich ist, was uns fehlt? Da bin ich nicht sicher, aber ich hoffe es und wünsche es mir.

So what – Digitalisierung und Nachhaltigkeit?

Ich bin immer sicherer, dass sich Digitalisierung und Nachhaltigkeit nicht widersprechen. Im Gegenteil, sie werden zukünftig immer untrennbarer miteinander verbunden sein. Ressourcen werden effizienter genutzt und wir finden andere Menschen leichter, die unserer Meinung sind. Wir können noch stärker Verantwortung für unser Konsumverhalten übernehmen und nachhaltige Produkte einer noch breiteren Masse von Menschen einfach und bequem zugänglich machen. Und nicht zuletzt sind wir die erste (oder zweite?) Generation der westlichen Welt mit dem Luxus des nahezu bedingungslosen materiellen Überflusses und haben die Zeit und die mentale Freiheit, uns mit uns und unseren Mitmenschen wirklich zu befassen.

Was denkst du darüber? Ich freue mich auf deine Meinung – entweder in den Kommentaren oder an luise@zeitgeistich.de!
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