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Zeit nehmen, Zeit geben, Zeit lassen – ZEGG die Zweite

ZEGG

Am vergangenen Wochenende war ich mal wieder im ZEGG. „Mal wieder“ klingt, als würde ich dort schon jahrelang hinfahren und so fühlt es sich auch an. Tatsächlich war es aber erst das zweite Mal an diesem magischen Ort.

Falls du noch nicht weißt, was das ZEGG ist, empfehle ich dir meinen ersten Artikel dazu – dort ist einiges erklärt: Meine unbeschreibliche Zeit im ZEGG

Das Thema dieses ZEGG-Wochenendes

Das Seminar war dieses Mal ein Schnupperkurs der sogenannten „Liebesakademie“ von Susanne Koths, Roger Balmer und Rotraut Rospert – unterstützt von zwei wundervollen Assistentinnen.

Die Liebesakademie ist eine von Susanne und Roger ins Leben gerufene Seminarreihe, die allem Voran ermuntern möchte, sich bewusst und achtsam mit den Themen zu befassen, die Liebe, Partnerschaft und Sexualität mit sich bringen. Sprache zu bringen in bisher Unaussprechliches. Wie geht Lieben eigentlich? Wie fühlt sich das an? Und bin ich dann noch frei? Wo hört das „ich“ auf und wo fängt das „wir“ an? Fühle ich mich wohl mit Nähe, mit mir oder mit dem was ich glaube, was andere von mir erwarten in einer Beziehung? Darf jemand anderes eigentlich etwas von mir erwarten? So viele Fragen und das sind längst nicht alle…

Als ich 17 war hatte ich meinen ersten richtigen Freund. Im Nachhinein betrachtet war das eine wahnsinnig „blinde“ Beziehung ohne echten Bezug zueinander. Aber verzeihbar, mittlerweile weiß ich dass es vielen so geht. In der Schule lernen wir nicht, wie überhaupt Beziehungen zwischen Menschen funktionieren, also auch zwischen Freunden oder Klassenkameraden. In der Liebe machen wir dann oft ungefähr das, was uns unsere Eltern und die Gesellschaft vorgelebt haben. Und wenn das nicht funktioniert? Wenn unsere Eltern zufällig keine offene Kommunikation, gleichberechtigte, nährende und erfüllte Partnerschaft hatten? Hm, keine Ahnung.

Und da kommt die Liebesakademie ins Spiel. Egal ob Single, Paar oder in welchem Beziehungsmodell auch immer behaftet können Menschen hier vor Allem sich selbst kennenlernen. Kommunikation lernen und eigene Bedürfnisse kennenlernen. Und nein, es geht dabei sogar sehr wenig bis gar nicht um Sex, auch wenn das dem ZEGG gerne unterstellt wird. Es geht viel mehr um einen selbst. Selbstliebe als Voraussetzung für die Liebe gegenüber einem anderen Menschen. „Wer bin ich in der Liebe und wer will ich sein?“ ist wohl die Kernfrage.

Zeit ist immer da, wir müssen sie uns nur nehmen, geben, lassen

Direkt am ersten Abend haben wir in der Frauenrunde eine wundervolle Übung gemacht: Alle Teilnehmerinnen haben sich dem Alter nach aufgestellt. Schon allein das hatte für mich eine wahnsinnige Energie, weil wir so eine „Ordnung“ und unserer neuen und bisher unbekannten Gruppe hatten. Noch schöner fand ich aber, als die liebe Rotraud, eine der Seminarleiterinnen, dann erklärt hat, warum das ganze. Für jede Lebensphase einer Frau gibt es bestimmte Fragen, Themen und Veränderungen die anstehen. Bei Frauen ist das im 7-Jahres-Rhythmus, bei Männern alle 9 Jahre. Ich weiß tatsächlich nicht mehr, was genau die Themen waren. Unter anderem sind die in dem Buch „Das Buch der Weiblichkeit. Der 7-Jahres-Rhythmus im Leben der Frau“, welches ich mir natürlich umgehend bestellt habe 🙂

Na jedenfalls fiel mir dabei ein Stein vom Herzen. Ich wusste theoretisch schon vorher, dass ich heute noch nicht alle Antworten für den Rest meines Lebens haben muss, aber ich mache mir schon oft Druck, doch bitte wenigstens die Antworten für die nächsten 5 Jahre zu kennen. Ganz viele der Fragen und Themen, mit denen ich mich gerade auseinandersetze, kommen aber erst im Alter zwischen 42 und 49 dran. Vielleicht finde ich deswegen gerade auch keine Antworten 😀

Diese Erkenntnis war relativ schnell da und brach später bei der Abschlussrunde auch richtig aus mir heraus. Ich darf 28 sein, ich brauche nicht alles wissen und es ist ok heute nicht so weise zu sein, wie ich es mit 40, 50 oder 60 sein werde. Mein Partner sagt „Manchmal fehlt dir die Geduld, einfach das Leben zu leben. Ganz der Reihe nach.“ Naja es scheint, als hat er recht. Schöne Erkenntnis, ich bin sehr dankbar dafür. Wobei es eher eine emotionale Erkenntnis ist. Ich durfte zum ersten Mal etwas fühlen, was ich bisher „nur“ wusste.

Du siehst – das hat gar nicht so viel mit Liebe und Partnerschaft zu tun, geschweigedenn mit Sexualität. Aber mich erstmal wieder „einzuordnen“ relativ an den Anfang des Lebens, wo ich heute nunmal stehe hilft mir, meinen Platz zu finden. Im Leben und auch in Beziehungen.

Die Macht von Frauenkreisen

Ich habe das erste Mal länger in einem reinen Frauenkreis gearbeitet. Ich war ohnehin neugierig darauf, weil mir die Kraft dieser Kreise sehr wohl bewusst ist. Und es war großartig, ich werde versuchen in Zukunft öfter in solchen Kreisen zu sein.

Zu Erleben wie wir Frauen untereinander eine starke Nähe entwickeln. Ein offener und gleichzeitig geschützter Raum in homogener, weiblicher Energie. Gegenseitige Unterstützung bieten und einfach in schwesterlicher Verbundenheit für die andere da sein. Sehr schön und sehr nährend. Insbesondere mit älteren Frauen finde ich das ein tolles Erlebnis, fühle mich sehr geborgen und kann auf Erfahrungen vertrauen, die sie schon gemacht haben. Wir sind „von einem Schlag“ im wahrsten Sinne des Wortes, mit all unseren Schwächen, aber vor allem mit unserer gemeinsamen, kraftvollen, weiblichen Stärke.

Spannend war der Zeitpunkt, als die Männer wieder zum Seminar dazukamen. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie groß die Energie zwischen dem Weiblichen und Männlichen Pol tatsächlich ist. Von 0 auf 100 zwischen homogener Frauengruppe und heterogener Seminargruppe war beeindruckend. Im Alltag bin ich so selten bewusst nur unter Frauen. Und selbst wenn, nehme ich den Wechsel nicht so bewusst wahr.

Beziehungsmodelle

Während des Seminars ging es in kleinen inhaltlichen „Beigaben“ immer wieder um Liebe, aber auch um Beziehungsmodelle. Ich habe mich damit bisher zugegeben noch nicht umfassend beschäftigt und empfand es als sehr bereichernd, dass das auf diesem Seminar so nebenbei mit passierte.

In den Anfängen des ZEGG Anfang der 90er Jahre wurde die „freie Liebe“ wohl als einzig sinnvolles Beziehungsmodell propagiert. Das ist heute dankenswerter Weise sehr viel anders. Alle möglichen Beziehungsmodelle – auch die Monogamie –  haben ihren Platz und werden innerhalb der Gemeinschaft gelebt. Und sie werden alle als gleichberechtigt und gut anerkannt. Schön ist das, denn so individuell wie die Menschen sind, so individuell sind ihre Bedürfnisse gegenüber anderen Menschen. Und so kann sich jeder Mensch das Modell suchen, was zu ihm passt. Es fahren schließlich auch nicht alle Golf. Manche einen Twingo, manche einen Bulli. Und so kann es doch in Beziehungsdingen auch sein (je nach Platzbedarf – schönes Gleichnis :D)

„Die Menschen verlassen lieber ihren Partner, als ihr Beziehungsmodell zu überdenken.“

aus dem Buch Treue ist auch keine Lösung: Ein Plädoyer für mehr Freiheit in der Liebe

Dieses Zitat hat Roger eingebracht und ich finde, es ist sehr viel wahres daran. Und ich mag auch den Buchtitel – Treue gilt als DAS Prinzip schlechthin in der klassischen Ehe. Sie wird dabei meistens auf körperliche Treue reduziert, denn emotional haben sich viele Paare schon lange nichts mehr zu geben. Aber hey! Solange wir uns nicht körperlich betrogen haben ist doch alles gut. Oder etwa nicht?

Ich bin noch nicht sicher, ob freie, offene, polyamore oder was auch immer für eine Liebe für mich ein erstrebenswerter Weg ist. Zuallererst, weil ich mir das relativ anstrengend vorstelle, ich komme ja kaum mit mir selbst klar… 😛

Die wichtige Lernerfahrung für mich (beziehungsweise uns als Paar) ist aber: Sollten sich in den kommenden, hoffentlich vielen Jahren unseres gemeinsamen Weges unsere gegenseitigen Bedürfnisse verändern, muss das nicht gleich das Ende unserer Partnerschaft sein. Wir können dann einfach in tiefem, gegenseitigem Vertrauen schauen, ob wir jetzt an einem neuen Beziehungsmodell noch mehr Freude haben – wenn beide damit einverstanden sind. Und vielleicht leben wir auch einfach glücklich und monogam bis an unser Lebensende… die Zeit wird es zeigen. Aber die Wahl zu haben und sie auch bewusst zu treffen – das ist ein sehr gutes Gefühl.

Was ich diesmal noch im ZEGG gelernt habe

Freude aufs Älter werden: Rotraut hat die beiden ältesten Teilnehmerinnen des Seminars (neben sich selbst) mit dem schönen Begriff „Prachtweiber“ geschmückt. Sie sind so unglaublich schöne, starke und weibliche Frauen, die ganz mit ihrem „Frau sein“ im Reinen sind. Etwas so wundervolles. 28 zu sein ist schön, aber wenn man sieht was noch kommt, darf man sich auch darauf freuen. Das macht mich sehr froh.

Grenzen ausloten: Wie viel Nähe brauche ich, wie viel will ich zulassen? Was ist mit meinem Freiheitsdrang? Ich bin um einiges schlauer geworden.

Verbundenheit: findet zwar vor Ort im ZEGG statt, aber eigentlich in mir. Wie beim letzten Mal auch sind die Menschen sehr schnell zusammengewachsen, die sich vorher gar nicht kannten. Wieder sehr beeindruckend. Innerhalb von nur 2 Tagen spüre ich eine Nähe zu wildfremden Menschen, wie ich sie in meinem Alltag mit nicht vielen Menschen habe. Und dennoch merke ich, dass ich allem voran wieder gut mit mir verbunden bin. Und erst aus dieser Position heraus kann ich auch offene und wahrhaftige Verbindungen mit anderen Menschen eingehen.

Zeit für das lassen, was jetzt gerade dran ist. Für mich war Zeit eines der wichtigsten Themen an diesem Wochenende. Sowohl Zeit im Lebenslauf-Sinn als auch Zeit im Minuten-Sinn. Einige Übungen haben mich innerhalb von wenigen Minuten zu mir selbst und mit anderen in Verbindung gebracht. Diese Minuten muss man sich „nur“ nehmen 🙂
Und auch hat dieses Wochenende mich wieder mit dem Gefühl verbunden, was mir immermal abhanden kommt im stressigen Alltag – alles passiert zu seiner Zeit. Ich muss mich nicht beeilen mit dem Leben. Es ist dran, wenn es dran ist. Job, Familie, Städte, Freunde. Alles hat seinen Platz, aber nicht alles gleichzeitig. Und manchmal ist abwarten die beste Medizin. „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen“ sagte schon Astrid Lindgren.

Ich beginne, mich zu mögen. Ja, natürlich habe ich Speckröllchen und auch sonst viele umperfekte Stellen. Na und? Spannenderweise stören die mich an diesen wundervollen „Prachtweibern“ gar nicht – warum also an mir? Ich habe nun beschlossen, sie gehören zu mir. Meine Lebensfreude wächst mit jedem Meter, den ich auf meinem Weg gehe. Es macht unheimlich Freude, mich dabei selbst zu beobachten. Und es scheint, im ZEGG gibt es im Moment sehr wichtige Gehwegplatten für meinen Weg. Ich bin aus tiefstem Herzen dankbar für dieses Geschenk.

Ich bin sehr gespannt auf deine Meinung, entweder in den Kommentaren oder an luise@zeitgeistich.de!
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Titelbild: Pflänzchen im Gegenlicht von Andreas Nadler auf flickr.com

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