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Darf eigentlich nur die Generation Y nach Sinn suchen?

Generation Y

Uns, der Generation Y, wird nachgesagt wir seien naiv und fordernd, überheblich und viel zu idealistisch. Alles muss einem großen Ganzen dienen und sinnvoll sein. Einfach nur des Geldes wegen arbeiten – passt nicht zu uns. Und für viele stimmt das wohl vielleicht sogar.

Ich glaube allerdings, dass Menschen aller Generationen einmal so waren, als sie jung waren. Der Unterschied ist nur dass wir – die Generation Y – uns unseren Idealismus nicht so schnell nehmen lassen wie vorangegangene Generationen. Es gibt für beides gute Gründe – dafür, dass unsere „Vorgänger“ sich doch irgendwann angepasst haben und auch dafür, dass wir das gerade nicht so schnell tun. Und davon handelt dieser Beitrag.

Was Sinnsuche für mich bedeutet – alte und neue Welt

Ich lebe zerrissen zwischen zwei Welten. Die eine, ich nenne sie die „alte Welt“ besteht aus Streben nach materiellem Wert, aus von oben diktierten Gehaltserhöhungen, aus festgelegten Urlaubstagen und aus monatlichen Leasingraten für Autos, die die Miete für meine Wohnung weit übersteigen. Sie kennt Gremien, Prozesse und Budgets. Und Macht, Ego und Hierarchien. Ein klares Verhältnis von Lehrer und Schüler, Boss und Mitarbeiter, Gebender und Nehmender. Das ist für mich die bewahrende Welt.

In der anderen Welt, der „neuen“, bauen wir gemeinsam unser Gemüse an, treffen basisdemokratische Entscheidungen, reden über Grundeinkommen und Zero-Waste-Konzepte. Terra Preta, Minimalismus und Meditation. Es geht um Gemeinschaft, um persönliche Weiterentwicklung und pay-what-you-can-Konsum (jeder zahlt, was er kann, nicht was er soll). Im Einklang mit unseren persönlichen Werten und Vorstellungen. Geld ist dafür gut, aber eben bei Weitem nicht alles. Und jeder lernt von jedem. Das ist für mich die suchende Welt. Auf der Suche nach einer neuen gesellschaftlichen Ordnung, einer anderen Umverteilung von Gütern und eben auf der Suche nach dem Grund, warum wir eigentlich hier sind.

Diese beiden Darstellungen der alten und der neuen Welt sind natürlich überspitzt – aber für mich sind sie die Pole, zwischen denen sich jeder irgendwie einsortiert im Moment. Bewusst oder unbewusst. Und das interessante an diesen beiden Welten ist, dass sie eben kein Alter kennen. Die Menschen, die per Definition in die Generation Y gehören, finden sich in beiden Welten. Und ebenso finden sich Menschen aller anderen Altersklassen auch in beiden Welten.

Ich habe das (ausgesprochen subjektive) Gefühl, dass die neue, suchende Welt gerade stark wächst und natürlich finden sich dort deswegen auch viele jüngere (und jung gebliebene) Menschen. Das halte ich für sehr normal: Neues erschaffen, Dinge verändern, mit einer nicht enden wollenden Motivation wieder und wieder von vorn beginnen – diese Art der Energie gehört nunmal eher an den Anfang des Lebens. Dorthin, wo heute die Generation Y steht. Und dennoch ist es schön und begrüßenswert, wenn sich auch „Ältere“ davon anstecken lassen und ihre wertvolle Lebenserfahrung einbringen.

Warum beginnt die Sinnsuche gerade jetzt?

Wir leben gerade in einer Zeit des großen Umbruchs – viel wird digitalisiert, Grundeinkommen wird diskutiert und digitale Währungen entstehen, die nicht von Banken ausgegeben werden. Unsere gesellschaftlichen Grundfesten der vergangenen Jahrhunderte beginnen ganz langsam zu wackeln.

Es gibt zwei offensichtliche Gründe, warum wir jetzt gerade anfangen, uns diesen Luxus des Idealismus und der Sinnsuche zu gönnen.

Der erste ist, wie erleben gerade die längste Friedensperiode in Europa. Wir hungern nicht, wir haben keine Angst vor Bomben und auch nicht vor dem nächsten Winter. Wie leben in materiellem Überfluss und müssen vor nur sehr wenigen Dingen Angst haben. Das heißt: Wir haben jetzt mal Zeit dafür uns Gedanken zu machen, warum wir hier sind. Weil nichts unsere Existenz bedroht.

Der zweite Grund für unsere Freiheitsgedanken ist das Internet. Es ist ein unerschöpflicher Quell an Beispielen von Menschen, die es geschafft haben dem Hamsterrad zu entfliehen und ihr eigenes Ding machen. Das Internet bringt uns – diese kritische Masse an Menschen, die an positive Veränderung glaubt – zusammen. Wir wissen, dass wir mit der Vorstellung von einer fairen, achtsamen und gemeinschaftlichen (Arbeits)Welt nicht alleine sind. Ganz und gar nicht, wir sind sogar ganz schön viele.

Das Internet bringt noch eine weitere Eigenschaft mit sich: Es war nie so einfach wie heute, unabhängig von einem einzigen, großen Arbeitgeber Geld zu verdienen. Du kannst mit Kryptowährungen spekulieren, deine Fotos anderen Leuten verkaufen oder eBooks schreiben. Eine Internetseite ist heute schneller erstellt als es früher gedauert hat, überhaupt erstmal Windows zu installieren. Wir werden unabhängiger.

Welche Auswirkungen hat die „neue Welt“ auf unsere Arbeit?

Heute bekomme ich eine Summe X im Monat und muss dafür Y Stunden ableisten. Mein Arbeitgeber stellt Anforderungen, die ich erfüllen muss. Er ist mir gegenüber „weisungsberechtigt“ – wie ich dieses Wort verabscheue. Es klingt so nach Preußen.

Wie wäre denn eine neue Brille? Ich bekomme Summe X im Monat, damit ich über Wohnung, Essen & Co. nicht nachdenken muss. Quasi ein individuell zu verhandelndes Grundeinkommen. Und die Zeit, die mir dadurch entsteht, bringe ich gerne und im Sinne des Unternehmens ein – aus Freude am Erschaffen und am Tun. Nicht aus Pflichtbewusstsein. Dann stellt nämlich plötzlich nicht mehr das Unternehmen Anforderungen, sondern wir begegnen uns auf Augenhöhe. Beide geben, beide nehmen.

Und es gehört noch so viel mehr dazu als Geld.

Wir möchten doch nur das Gefühl haben, mit Menschen zusammenzuarbeiten, und nicht mit Abteilungen oder Telefonnummern. Ja, uns interessiert wirklich, wie es dem Gegenüber geht. Auch, und vor allem gerade, wenn wir schwierige Zeiten im Leben haben ist es wichtig, darüber reden zu können. Nur leider ist es in der alten Welt nicht „en vogue“, darüber tatsächlich zu sprechen.

Wir sollen 8 oder mehr Stunden am Tag miteinander verbringen. Das heißt, meine Kollegen sind die Menschen, mit denen ich mehr Zeit verbringe als mit meinen Eltern oder mit meinem Partner. Und sie sollen auch diejenigen sein, zu denen ich die distanzierteste Beziehung überhaupt habe? Da stimmt doch was nicht in der Gleichung. Ich will nicht nur abends Mensch sein dürfen.

Wir wollen nicht das Maximum an Geld aus der Kundentasche ziehen. Sondern leben gern davon, dass Menschen mit dem, was wir leisten, zufrieden sind. Wieder – auf Augenhöhe, nicht aus Machtverhältnis. Wie Ghandi schon sagte: „Es ist genug da für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“ Als ich einen Top-Manager meines Unternehmens mal fragte, warum wir eigentlich Geld verdienen wollen, hatte er darauf keine Antwort. Wir wollen aber eine haben. „Start with why“ – warum tun wir, was wir tun?

Wir wollen das Gefühl haben, dass das, was wir tun, eine positive Auswirkung hat – irgendwo oder für irgendwen. Die muss gar nicht groß sein, aber sie sollte vorhanden sein. Positiv bedeutet nicht, dass wir besser dastehen als die Nachbarabteilung oder unser Chef vor dem Vorstand glänzen konnte. Oder wir mehr Budget für irgendwas bekommen.

Positiv bedeutet, irgendwas ist jetzt für irgendjemanden besser als gestern.

Und dennoch – es geht schon auch ums große Ganze. Es geht darum, dass wir mit unseren Kindern und Kindeskindern noch auf dieser Welt leben können. Darum, dass jeder von uns seine Zeit auf Erden gerne hier verbringt. Es geht darum, für andere Menschen da zu sein und ihnen zu helfen auf ihrem ganz eigenen Weg. Es geht um echten, menschlichen Kontakt und darum, zusammen etwas zu erreichen. Zusammen – eine klare Trennung zwischen Anbieter, Kunde und Lieferant gibt es nicht mehr. Wir sind alle alles. Wir wissen aber auch, dass es kleine Schritte sind, die zum großen Ziel führen. Man könnte das idealistisch nennen. Oder normal. 🙂

Kein Problem der Generation Y, sondern der Gesellschaft

Das bedeutet auch, dass klassische Erwerbstätigkeit an Relevanz verliert. Es heißt, wenn Wirtschaftsbosse sich nicht auf die neue Generation einstellen, dann wird es düster aussehen. Die Ansprüche sind so anders als die der vorherigen Generationen, dass man alles neu erfinden muss. Und wie unglücklich doch die Generation Y in den heutigen Büros ist.

Das müsste im Umkehrschluss bedeuten, dass heutige Mitarbeiter mit den bisherigen Arbeitsbedingungen, Unternehmenskulturen und moralischen Vorstellungen – zumindest weitestgehend – zufrieden sind (und das auch immer waren). Nun, ich arbeite selbst in einem Großkonzern und kann deswegen aus erster Hand berichten: dem ist nicht so. Die Generationen vor uns haben nur aufgehört, an Veränderung zu glauben und sich ihrem Schicksal in leisem Leiden gebeugt. Weil sie nicht so viel Wahl hatten wie wir heute.

Mittlerweile lerne ich immer mehr Menschen kennen – auch viele deutlich oberhalb der 40 oder 50 – die dazu nicht mehr bereit sind. Sie kündigen Jobs, weil sie nicht mehr zu ihnen passen. Fangen nochmal ganz von vorne an. Egal, wie alt sie sind. Und das ist gut so.

Jetzt ist gerade die Zeit für Veränderung und wer mitmachen will, kann das tun. Egal, wie alt er oder sie gerade ist. Die Generation Y ist nur „zufällig“ die Generation, die jetzt gerade jung ist. Die Menschen, die die meiste Schaffenskraft und die größten Visionen haben – so wie sie alle Menschen hatten, die am Beginn ihres Lebens standen. Wir haben nur gerade einen sehr guten Nährboden dafür – vielleicht einen besseren, als die Generationen vor uns. Und dafür gilt es, dankbar zu sein.

Dieser Artikel erschien als Gastartikel auf Ronjas wunderbarem Blog www.generationy.de.

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