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#Filmtipp IUVENTA: Nach dem Abi erstmal Seenotrettung

IUVENTA

Als ich die Beschreibung zum Film „IUVENTA“ gelesen habe, überkam mich der Gedanke ob so schwere Kost unbedingt sein muss an einem Samstag Abend. Es wäre doch deutlich bequemer, sich zu Hause auf der Couch irgendeine amerikanische Komödie anzuschauen. Und nun bin ich froh, dass ich mich doch lieber für das wichtige Thema entschieden habe, nicht für das einfache.

Hier findest du die Kinotermine in deiner Stadthttps://www.iuventa-film.de/#kino
Und hier geht es zum Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=5dJ5MrrVyjI

Worum geht es bei IUVENTA?

Die Geschichte selbst ist eigentlich schnell erzählt: Ein paar Berliner Jugendliche wollen auf die mangelnde und schlecht organisierte staatliche Seenotrettung im Rahmen der Flüchtlingskrise aufmerksam machen. Dazu gründen sie den Verein „Jugend Rettet e.V.“. Teilweise haben sie gerade erst das Abitur hinter sich.

Über eine Crowdfunding-Kampagne sammeln sie so viel Geld ein, dass sie einen alten Fischkutter kaufen, umbauen und wieder flott machen können. Ab diesem Zeitpunkt sind sie als nichtstaatliche Organisation (NGO) nun Teil einer privaten Seenotrettungsflotte auf dem Mittelmeer.

Der Anteil der nichtstaatlichen Schiffe im Vergleich zu den Regierungsschiffen war zuletzt 24%, ich glaube, das bezog sich auf 2017. Das fand ich doch recht erschreckend, dass immerhin ein Viertel der Rettungsschiffe von privater Hand finanziert sind. Im Moment dürften es wieder deutlich unter 10% sein. Allerdings nicht, weil die Regierungen so stark aufgefahren haben, sondern weil nach und nach die Schiffe verschiedener NGOs im Bereich Seenotrettung von der italienischen Regierung beschlagnahmt wurden. So erging es auch der IUVENTA, dem Schiff des Vereins.

Der Film nimmt seine Zuschauer mit auf eine Reise von der Entstehung des Vereins bis heute. Die Vereinsgründung, Vorbereitungen auf dem Schiff, die ersten Rettungen, das Leben an Bord und auch den Fortgang nach den ersten großen und kleinen Erfolgen werden gezeigt. Hier will ich aber gar nicht zu sehr spoilern :).

Wenn du den Film lieber auf DVD zu Hause sehen möchtest, kannst du ihn hier vorbestellen*. Es gibt ihn offiziell ab 26.10.2018.

Was kann der Film seinen Zuschauern mitgeben?

Was ein solcher Film natürlich leisten kann ist, ein so lokal entferntes Thema zumindest für eine kurze Zeit sehr nah ins eigene Leben zu bringen. Meine Kernerkenntnisse möchte ich hier mit euch teilen.

Am erschreckendsten fand ich eigentlich, wie wenig mediale Berichterstattung es zu dem Thema hierzulande gibt. Allein im Juni 2018 sind über 600 Flüchtlinge auf dem Mittelmeer ertrunken, hieß es in der anschließenden Podiumsdiskussion. Ich muss zugeben, dass ich mich auch wenig proaktiv nach der Thematik erkundige – etwas, das jeder für sich entscheiden muss. Aber eine wahrnehmbare Meldung in den klassischen Nachrichtenmedien wäre da doch schon angebracht.

Kann man die Situation eines Flüchtenden auch nur ansatzweise „nachvollziehen“?

Wenigstens der Film hat es mir ermöglicht, mich für eine Weile zumindest ein ganz kleines bisschen in die Situation hereinzudenken und zu -fühlen, in der sich so viele Menschen noch heute befinden. Ich glaube, es wäre anmaßend, zu behaupten man kann die Situation nachvollziehen. Denn das kann vermutlich niemand, der so etwas nicht erlebt hat. Aber einige Fragen kamen mir doch:

Wie fühlt es sich an, wenn dich Menschen in Empfang nehmen, die aus Seuchenschutzgründen Ganzkörperanzüge tragen? Und die dir dann – wenn auch aus Hilfe – erstmal dein Kind abnehmen?

Wie groß muss die Verzweiflung sein, damit junge Männer – die nicht schwimmen können – sofort aus ihrer Nussschale heraus ins Wasser springen und versuchen, zum Rettungsboot zu paddeln (immerhin mit Schwimmweste) sobald sie eines sehen?

Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn genau vor deinen Augen ein Mitflüchtling nur noch tot auf das eigentlich rettende, europäische Boot gezogen werden kann? Und was, wenn das auch noch ein Freund, Verwandter oder gar dein Partner war?

Erschreckend fand ich auch, wie hart die Ärzte an Bord sein mussten. Sie haben entschieden, was echte Notfälle sind und was nicht. Viel wurde als „nicht schlimm genug“ eingestuft, da die medizinische Versorgung nur sehr begrenzt möglich ist. Mit manchen Beschwerden hätte selbst ich hier schon in der Ambulanz gesessen. Da es so wenig Versorgung gibt, ist alles, was nicht akut lebensbedrohlich ist aber erstmal kein großes Thema.

Spannend fand ich darüber hinaus, wie sehr die Rettung einerseits zentral gesteuert wird und in vielen Bereichen mittlerweile sehr durchorganisiert wirkt – wie ein gut geplantes Business. Sie läuft ja auch schon eine Weile. Andererseits gab es auch immer wieder mal Situationen, in denen es mehr Fragen als Antworten zum weiteren Ablauf gab. So ja auch jüngst geschehen mit den Irrfahrten der „Diciotti“ und „Aquarius“, die einfach niemand aufnehmen wollte.

Und ich habe das erste Mal ganz bewusst über die Bezeichnung „Flüchtlingslager“ nachgedacht. Ein LAGER ist doch etwas, wo man Dinge einfach nur aufbewahrt. So wie ein Hochregallager bei Amazon, damit man schnell darauf Zugriff hat und alles schön ordentlich sortiert ist. Und nun steckt man da Menschen rein?

Auch die psychische Belastung wurde während des Films immer wieder thematisiert, allerdings hätte ich mir hier und da etwas mehr Tiefgang gewünscht in diesem Thema. Es wäre interessant gewesen, wie es den Geflüchteten und auch den Rettern einige Monate danach geht.

Rechtlicher Kontext und moralische Fragen

Gegen einzelne Besatzungsmitglieder der IUVENTA und anderer privater Rettungsschiffe ermittelt derzeit die italienischen Staatsanwaltschaft. Der Vorwurf lautet „Beihilfe zur illegalen Einwanderung“. Der Verein beruft sich auf Menschenrechte und auf die gesetzliche Verpflichtung auf hoher See Hilfe zu leisten, wenn jemand in Seenot geraten ist.

Mein durchaus eher links geprägter gesunder Menschenverstand sagt: Das ist eine Frechheit! Wie kann man denn jungen Menschen, die ohnehin schon deutlich mehr Mut bewiesen haben in ihrem Leben als viele „Normalbürger“ das jemals tun werden, so ein Brett vor den Kopf setzen?

Was ist Seenot und wann muss gerettet werden?

Und dennoch – gilt dieses Seefahrer-Recht auch, wenn man ganz bewusst rausfährt und Ausschau hält nach Menschen, die in Seenot sind? Wenn man sie quasi gar nicht zufällig entdeckt, so wie das bei dieser Vorschrift eigentlich mal gedacht war? Und wenn sich Menschen schon fast vorsätzlich in Seenot begeben – wenn auch aus einer anderen Art von Lebensgefahr heraus? Kann eine Lebensgefahr schlimmer sein als eine andere?

Seenot beginnt rechtlich wohl in dem Moment, in dem die Flüchtenden mit ihren kleinen Kähnen auf dem offenen Meer sind. Die Boote sind für diese Art Hochseeschiffverkehr nicht ausgelegt. Deswegen sind sie per Definition immer in Seenot – die Info kam in der anschließenden Podiumsdiskussion auf. Diese Fragen müssen Gott sei Dank nicht wir beantworten, sondern irgendwelche Gerichte. Das Problem ist nur, dass diese solche Fragen oftmals nach geltendem Recht beantworten und das stimmt bekanntermaßen nicht in allen Fällen mit dem überein, was als ethisch richtig wahrgenommen wird. Und viel wichtiger: Es löst das Grundproblem nicht. Aber das würde jetzt zu weit führen.

Flüchten mehr Menschen, weil gerettet wird?

Und was ist mit dem immer-wieder-totschlag-Argument, dass durch die hohe Präsenz der Rettungsboote auch die Risikobereitschaft der Flüchtenden steigt, weil sie wissen, dass sie gerettet werden? Noch dazu, umso näher diese Rettungen an der lybischen Grenze stattfinden? Die Rettenden sagen, die meisten Flüchtenden sind schon mehrere Monate oder teilweise Jahre unterwegs, es sind also keine kurzfristigen „nächsten Monat flüchte ich“-Entscheidungen, die abhängig davon sein könnten, wie viele Boote gerade retten. Auch das thematisiert der Film aber in einer Szene auch: Jede Investition, die der Verein in sein Boot, ein besseres Navigationssystem und Rettungsausrüstung steckt, bleibt den Regierungen erspart, die eigentlich in der Pflicht sind.

Es ist und bleibt eine schwierige Diskussion, weswegen ich sie auch an dieser Stelle beende 🙂

Die beschlagnahmte IUVENTA

Der letzte Stand ist leider immernoch, dass die IUVENTA von den italienischen Behörden beschlagnahmt ist und wahrscheinlich vorerst auch bleibt. Der Verein ringt ohne sein „Flaggschiff“ (im wahrsten Sinne des Wortes) um seine Existenz. Derzeit engagieren sich die Mitglieder im politischen Diskurs und versuchen auf diesem Wege Veränderungen herbeizuführen. Allerdings wirkten sie im Film sowie in der anschließenden Podiumsdiskussion hier in Hannover sehr ernüchtert. Es scheint ein Kampf gegen Windmühlen.

So what – IUVENTA

Ich habe das Gefühl, dass an der Flüchtlingsthematik im Mittelmeer einfach so viele Parteien beteiligt sind, eigene Interessen haben, es teilweise widersprüchliche Aussagen gibt und sehr, sehr viele verschiedene Sichtweisen dazu, dass es nahezu unmöglich ist eine fundierte Meinung zu einzelnen Fragen zu entwickeln. Es gibt so viele Ursache-Wirkung-Verknüpfungen, dass es wahrscheinlich immer etwas geben wird, was ein einzelner nicht bedacht hat.

Der Film kann aber zumindest eine dieser vielen Perspektiven genauer aufzeigen, Aha-Momente erzeugen und für das Thema sensibilisieren. Schade finde ich, dass der Film die Situation der ans Mittelmeer grenzenden europäischen Länder wenig beleuchtet. Die weigern sich mutmaßlich nicht aus Bösartigkeit, weitere Flüchtende aufzunehmen, sondern weil sie möglicherweise schlicht überfordert sind und keine Hilfe bekommen. Oder es ist ganz, ganz anders. Aber mach dir selbst eine Meinung 🙂

Was denkst du darüber? Hast du den Film vielleicht selbst schon gesehen? Oder Filme mit ähnlichen Thematik? Ich freue mich auf deine Rückmeldung – entweder in den Kommentaren oder an luise@zeitgeistich.de!
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