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Die Licht- und Schattenseiten der 3-Monats-Regel zum Verkünden einer Schwangerschaft

Schwangerschaft verkünden

Als ich mir im Spätsommer letzten Jahres immer sicherer war, dass ich schwanger bin, stellte sich ziemlich schnell eine Frage: Wann und wie die Schwangerschaft verkünden? Vor allem bei der Arbeit? Und natürlich wurde mir von vielen Seiten sofort nahegelegt, doch „die 3 Monate zu warten“. Ich fing wie so häufig bei „das macht man so“-Regeln an, darüber nachzudenken. Und habe mich für mich ganz persönlich anders entschieden. In der 7. oder 8. Woche habe ich zumindest innerhalb meines Teams davon erzählt. Und ich glaube, dass das sogar durchaus wichtig sein kann, weswegen das durchaus heikle Thema einen Artikel verdient.

Das Problem am „das macht man so“ und der Verkündung nach Ablauf der 3 Monate

Das „Verschieben“ der großen Nachricht auf die Zeit ab dem 4. Monat hat ja vor allem einen Grund: Die Angst vor einer Fehlgeburt. Und die Frage, wie es wohl sein muss wenn alle davon wissen.
Dazu soll noch gesagt sein, dass die Möglichkeit, selbst zu entscheiden wann man eine Schwangerschaft verkünden möchte ein großer Luxus ist und insbesondere Frauen die es nicht leicht hatten schwanger zu werden, schon Fehlgeburten hinter sich haben oder schlicht eine sehr große Angst vor einer Fehlgeburt haben selbstverständlich jede Zeit der Welt haben sollen, ihr Geheimnis für sich zu behalten. Zum Schutz des kleinen Lebens und zum Schutz der Frau und der Familie. Abgesehen davon haben diese ersten Wochen ja auch was total Schönes, wenn diese zarte Pflanze von neuem Leben noch intim, vertraut und nur wenig geteilt ist.

Allerdings hat die Tatsache, dass nahezu alle Frauen und Familien – also auch die ohne Grund zur Sorge – Schwangerschaften erst nach Ablauf der 3 Monate verkünden und es gesellschaftlich auch fast schon anmaßend ist, die Schwangerschaft eher kundzutun einen entscheidenden Nachteil. Sie trägt mit dazu bei, dass Fehlgeburten in unserer Gesellschaft so sehr an den Rand der öffentlichen Existenz gedrängt sind wie wenige andere Themen. Naja, in enger Konkurrenz mit Depressionen, wobei ich das Gefühl habe das darüber schon mehr gesprochen wird.

Das Henne-Ei-Problem der Trauer

Das heißt für mich, es entsteht ein Henne-Ei-Problem. Fehlgeburten können absolut traumatisch sein für die betroffenen Paare und ich glaube, dass ein Trauerprozess in Verbindung mit einem solchen Verlust etwas sehr, sehr normales ist und man den auch nicht überall breittreten möchte. Auf der anderen Seite habe ich aber auch schon die Erfahrung gemacht, dass sehr viele Frauen – häufig erst nach der Geburt eines gesunden Kindes – von ihren Fehlgeburten erzählen. Je nachdem welcher Statistik man glaubt (und was genau gezählt wird) erleben 50-70% aller Frauen vor ihrem ersten gesunden Kind eine Fehlgeburt. Es ist also eher die Regel als die Ausnahme. Und die Frage ist, inwiefern das Schweigen der betroffenen Familien über ihre Erlebnisse – häufig ja im privaten und beruflichen Kontext – die Erfahrung für die betroffenen Frauen nicht noch verschlimmert. Weil sie glauben könnten, sie wären die Ausnahme, die es „nicht hinbekommen hat“ oder irgend sowas.

Und es verschiebt die Last, mit der Trauer umzugehen einzig und allein in die Familien. Wenn etwas schiefgeht, sollen die Frauen und Paare doch bitte selbst damit klarkommen und nicht ihr Umfeld belasten. Dafür wollen wir als Gesellschaft keine Verantwortung übernehmen. Und erst wenn alles hübsch und rosarot ist sollen sie damit um die Ecke kommen. Ist ja auch einfacher – zumindest für das Umfeld. Und es nimmt (zu viel?) Rücksicht auf die sehr häufig verlernte Fähigkeit, mit Gefühlen anderer Menschen umzugehen. Viele Chefs und Kollegen sind ja schon überfordert, wenn mal irgendwo die Tränen fließen im Büro – und sei es aus den urmenschlichen Gefühlen von Überforderung, fehlender Wertschätzung oder Angst vor Ablehnung. Aber das ist ein anderes Thema :).

Was Offenheit über Fehlgeburten bewirken kann

Ich bin selbst in der Luxussituation, dass zumindest unser erstes Kind gleich da geblieben ist und aller Voraussicht nach gesund zur Welt kommt. Und ich habe noch einen anderen Luxus – nämlich sehr viele Frauen in meinem Umfeld, die ganz offen mit ihren Fehlgeburten, ihren Trauerprozessen, ihrer Sinnsuche darin und ihrem ganz eigenen durchaus spirituellen Verständnis von Fehlgeburten umgegangen sind. Dadurch habe ich mich vorher schon viel mit dem Thema befasst, meine Ängste wirklich angeschaut und bearbeitet. Unter anderem kam dieses Thema sehr überraschend für mich auf beim Schattenseminar, einem Folgeseminar zur Heldenreise. Und das lange, bevor ich überhaupt schwanger war.

Das hat bei mir dazu geführt, dass ich einfach nicht mehr so eine Angst hatte. Und ich wusste, selbst wenn es passiert wird das schmerzhaft sein, sehr sogar. Aber nicht das Ende der Welt. Und vor allem wäre ich nicht alleine gewesen mit meinem Schmerz. Sondern aufgefangen in einem Netz aus verständnisvoller Schwesternschaft.

Ich erwarte vom beruflichen Umfeld nicht, dieses Netz zu sein. Aber ich wünsche mir einen normaleren Umgang damit. Genauso wie mit allen anderen stigmatisierten Themen von Todesfällen in der Familie (und eigentlich zählt eine Fehlgeburt ja irgendwie dazu) über Depressionen oder was es sonst noch gibt. Themen, die viele betreffen und über die niemand spricht. Und einen grundsätzlich normaleren Umgang mit Trauer, Wut oder Angst – aus welchen Gründen auch immer.

Was du für dich tust, wenn du „es“ eher sagst

Ein Teil meiner persönlichen Entscheidung die Schwangerschaft zeitig zu verkünden war auch, dass ich einfach Lust hatte die Freude zu teilen über die schönen Neuigkeiten. Mir fällt es sehr schwer, Dinge für mich zu behalten, die mein Leben so sehr beeinflussen – ob positiv oder negativ. Ich möchte gerne damit da sein dürfen und es nicht verstecken.

Ein anderer Grund war, dass bei mir – wie bei den meisten Frauen – der 2. und 3. Monat meiner Schwangerschaft einfach extrem anstrengend war. Ich war quasi dauerhaft sehr müde und habe viel geschlafen. Viele andere Frauen haben in den ersten 3 Monaten ja auch das Problem mit der Morgen- oder überhaupt Übelkeit. Das bedeutet diese 3-Monats-Regel verhindert eigentlich ein Verständnis zu einer Zeit, in der man es fast am nötigsten hätte. Wenn man eine zunehmend große Kuller vor sich herschiebt kommt das Verständnis oft sehr viel selbstverständlicher. Die Schwangerschaft zeitig zu verkünden hat für mich also auch einen Aspekt von Selbstliebe – mir die Freiheit zu nehmen, in dieser besonderen Zeit gut für mich sorgen zu können ohne die Kollegen zu sehr vor den Kopf zu stoßen. Ab dem 4. Monat ist ja bei vielen Frauen – so auch bei mir – erstmal wieder etwas Entspannung angesagt, naja zumindest körperlich.

Ein nicht ganz unwesentlicher Punkt ist natürlich auch, dass man durch Transparenz einfach der Gerüchteküche entgegenwirken kann. Ich erinnere mich an den Fall einer Kollegin, der schon einige Jahre zurückliegt. Sie war über mehrere Wochen und Monate immer wieder mal einige Tage krank. Manchmal nur eine halbe Woche, manchmal gleich 2,3 Wochen am Stück. So schnell konnte man gar nicht gucken, wie innerhalb des Büros die wüstesten Gerüchte und Theorien aufkamen, was da wohl los sei. Dabei brauchte ihr Körper einfach nur Zeit und Ruhe, um die „Infrastruktur“ fürs Kind zu bauen. So weit, so normal.

So what – Schwangerschaft verkünden vor oder nach den 3 Monaten?

Ich möchte keineswegs jemanden davon überzeugen, gegen sein Gefühl in der 5. Woche zu sagen was Phase ist. Oder ein Thema, was jemand für sich als „privat“ deklariert hat in die Öffentlichkeit drängen. Ich möchte eher diejenigen zum Nachdenken anregen, die vielleicht selbst gar kein Bedürfnis haben zu warten oder die sich keine allzu großen Sorgen machen, dass etwas schiefgehen könnte. Darüber nachzudenken, ob „weil man das ja so macht“ wirklich immer der individuell richtige Weg ist. Weil sie sich damit selbst guttun könnten und gleichzeitig einen Beitrag leisten können zu einem entspannteren Umgang mit zutiefst menschlichen Themen.

Sowohl privat als auch bei der Arbeit kann man ja relativ frei entscheiden, welchem Kreis man sich mitteilen möchte. Vielleicht reicht der engere Kollegenkreis aus, es muss ja nicht gleich die ganze Firma wissen. Und ich hätte es subjektiv sehr viel einfacher gefunden, die Neuigkeit mit anderen Müttern zu teilen – davon gibts in meinem Umfeld nur leider kaum welche. Naja, so mussten die Männer da auch durch. Aber noch ein Grund für mehr Frauen im Büro, zumindest in meinem :D.

Schlussendlich ist es ein Luxus, dass jede Frau und jede Familie selbst entscheiden kann, wann die frohe Kunde an die Öffentlichkeit geht – wer auch immer diese Öffentlichkeit ist.

Was denkst du darüber? Wann hast du deine Schwangerschaft verkündet? Oder wann hast du vor, es zu tun? Ich bin gespannt auf deine Meinung, deine Gedanken und Fragen dazu! Entweder in den Kommentaren oder an luise@zeitgeistich.de.
Und wenn du den Artikel magst – spread the love and share the happiness (auf Facebook, Twitter, G+ oder wo du sonst bist). Ich danke dir von Herzen.

Titelfoto von Andrew Itaga auf Unsplash

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Ich bin Luise und Bloggerin aus Leidenschaft. Ich liebe Fahrrad fahren und Mittagsschlaf. Ich lebe für Liebe, Wärme, Licht und Farben. Und dafür, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Es ist meine tiefste Überzeugung, dass mit ein bisschen mehr Selbstliebe in jedem von uns die Welt ein noch schönerer Ort wird. Also, lasst uns anfangen :)

2 Kommentare

  1. Herzlichen Glückwunsch zur Schwangerschaft liebe Luise.
    Ich hatte meine erste Schwangerschaft in der 5. Woche meinem Chef gesagt, weil ich damals in der Radiologie war und dem Baby keine Strahlenbelastung zumuten wollte. In der 7. SSW dann die Fehlgeburt, die die ganze Klinik dadurch mitbekommen hat. Damals war es ein großes Drama und die Sorge vielleicht keine Kinder bekommen zu können. Von den Kollegen aber extrem viel Zuspruch und vor allem das „Geständnis“ ähnlicher Erfahrungen.
    In der 2. Schwangerschaft ging es mir so schlecht, dass ich ohnehin krank geschrieben war. Die meisten konnten sich denken wieso, gesagt hab ich es erst in der 13. Woche.
    In der 3. Schwangerschaft habe ich den Rat einer Freundin befolgt, es nur Menschen zu sagen, mit denen ich auch über eine Fehlgeburt sprechen würde. Was dann leider auch nötig war. Gleiches Vorgehen in der 4. Schwangerschaft, die gehalten hat.
    Nun bin ich grad zum 5. mal Schwanger und entscheide relativ großzügig, wem ich es sage. Auf Versteckspiele habe ich keine Lust mehr. Kolleginnen sollen es lieber wissen, weil es sie auch mit betrifft. Freunde sowieso. Und auch meinen zwei Kindern wollte ich keine Lügen auftischen, warum ich so müde bin und mir Übel ist. Bis zur aktuell 11. SSW ist alles in Ordnung.

    Viele Grüße
    Baukje

    • Luise sagt

      Liebe Baukje,
      danke für das offene Teilen deiner Erfahrungen! Und schön, dass du insbesondere beim ersten Mal so viel Zuspruch bekommen hast. Das zeigt auch wieder, wie individuell unterschiedlich das sein kann, je nachdem wer genau das „Umfeld“ ist. Ich wünsche dir in jedem Falle eine schöne Schwangerschaft und drücke die Daumen, dass alles gut bleibt!

      Liebe Grüße, Luise

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