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Ein offener Brief an meine Alma Mater, die Handelshochschule Leipzig

Handelshochschule Leipzig

Liebe Handelshochschule Leipzig,

ich habe im Jahr 2013 meinem Masterabschluss bei dir zu Ende gebracht. Das ist jetzt schon eine Weile her und seitdem ist viel passiert. Ich habe in der Zwischenzeit viel verstanden, mich entwickelt, gelernt wer ich bin. Oder zumindest habe ich heute mehr eine Idee davon als damals. Und ich habe das Bedürfnis, dir etwas mitzuteilen.

Die Zeit mit dir war keine Einfache. Ich bin so wahnsinnig schnell gerannt um überall hinterherzukommen, alle Anforderungen zu erfüllen. So schnell, dass ich gar keine Zeit hatte zu reflektieren. Und das ist vielleicht auch in Ordnung, denn auf genau dieses Leben willst du uns vorbereiten. Wenn man dann vorerst angekommen war, wieder kleine Zwischenziele erreicht hatte, war das schön. Es gab Anerkennung, kurze Zufriedenheit. Und dennoch immer die Angst im Nacken vor dem, was da noch alles wartet. Vor dem, was alle anderen leisten. Alle anderen, die vielleicht schneller laufen können als ich.

Es ging mir nicht schlecht, während ich so gerannt bin. Es ging mir eigentlich – gar nicht. Nicht gut, nicht schlecht, nicht gestresst, nicht entspannt. Ich hatte gar keine Zeit zu fühlen. In den seltenen und kurzen Verschnaufpausen habe ich allmählich gemerkt, dass es mir eigentlich überhaupt nicht gut geht. Wenn mir niemand gesagt hat was zu tun ist, wusste ich nach dem letzten Kurzstrecken-Sprint nicht mehr, was ich jetzt anfangen soll mit meiner Zeit. Ich wurde wieder ausgespuckt, nachdem ich ziemlich lange eingesogen war in deinem Strudel. Ich war einsam, irgendwie lebensunfähig in einem „normalen“ und nicht durchgetakteten Leben.

Retrospektiv habe ich viel verstanden von dem, was da passiert ist. Ich habe mich damals emotional ausgeschaltet, war leer. Es gab nur wenige echte menschliche Beziehungen in meinem Leben. Innerhalb der Uni kaum und für außerhalb war ja keine Zeit. Die Kommilitonen waren da und wir haben viel Zeit verbracht, aber echte Freundschaften sind daraus sehr wenige entstanden. Wir haben uns nie wirklich geöffnet, von Herz zu Herz kommuniziert. Offen, mit allen Ängsten und Sorgen die wir hatten. Denn irgendwie waren wir auch immer ein bisschen Konkurrenten. Um die besten Praktika, um die coolsten und zeitigsten Jobzusagen. Um die meiste Anerkennung. Ich habe mich klein gefühlt und nutzlos. Machtlos. Irgendwie… verloren. Dieses Konkurrenz-Ding hat die ganze Zeit gesagt „du musst kämpfen, noch härter, noch krasser sein“.
Du bist die Eintrittskarte ins Hamsterrad. Ok, in ein goldenes Premium-Hamsterrad. Ich wollte aber gar nicht mehr kämpfen, sondern meinen Frieden. Nur war ich damals noch nicht selbstbewusst und achtsam genug dafür. Aber am Ende ist es das, was du mir beigebracht hast, auf deine ganz eigene Art und Weise. Nein sagen zu können. Zu zu viel Geld, zu viel Karriere, zu viel Macht und Status. Und ein lautes „JA“ zu mir selbst.

Was ich mir von dir für die Zukunft wünsche? Mehr Reflexion darüber, was mit jungen Menschen passiert die sich in deine Hände begeben. Einen beschützenden Umgang mit denen, die sich dir anvertrauen, wenn auch nur für 2 Jahre. Es sind 2 wichtige Jahre in einer sehr entscheidenden Lebensphase.

Ich wünsche mir, dass wir bei dir mehr Demut gelernt hätten. Dafür, dass wir in einem Umfeld aufgewachsen sind, in dem wir sehr zeitig gefördert wurden und Talente und Begabungen gesehen wurden. Dafür, dass viele in Familien geboren wurden die sich dieses Studium überhaupt leisten können. Dafür, dass wir gesund sind und hier in Zentraleuropa geboren wurden. Dafür, dass wir eine echte Wahl haben, was wir mit unserem Leben anfangen wollen.

Ich wünsche mir, dass wir bei dir mehr Respekt gelernt hätten. Respekt vor Menschen, die einen anderen Weg gehen. Respekt vor anderen Meinungen, die nicht mit unseren übereinstimmen. Respekt vor Putzfrauen, Supermarktkassierern und Hausmeistern. Respekt vor anderen Schicksalen. Und Dankbarkeit dafür, dass wir wir sind.

Ich wünschte mir, dass wir bei dir mehr Offenheit gelernt hätten. Offenheit im Herzen. Offenheit gegenüber Menschen, denen es gerade nicht gut geht. Offenheit gegenüber unseren eigenen, schwachen und dennoch wundervollen Seiten. Es ist nicht nur alles super in unseren Leben, manchmal gibt es auch schwere Zeiten. Und die machen uns zu dem, was wir sind. Uns, und jeden anderen. Deswegen: Offenheit gegenüber jedem anderen Menschen auf der Welt.

Ich wünschte mir, dass wir bei dir mehr Selbstreflexion gelernt hätten. Darüber, wer wir sind und wer wir sein wollen. Darüber, was wir wirklich gut können. WOZU wir leisten, nicht WIE. Was wollen wir, was macht uns glücklich? Welchen Einfluss wollen wir auf die Welt haben? Was wollen wir eines Tages unseren Kindern erzählen über unsere Entscheidungen? Dass wir reiche Menschen noch reicher gemacht haben und weggeschaut haben in den entscheidenden Momenten? Unsere Zeit mit bedeutungslosem aber gut bezahltem Unfug verbracht haben? Oder dass wir wirklich was verändert haben? Dass die Welt ein besserer Ort ist, weil WIR da sind. Weil WIR den Mut haben, zu uns zu stehen. In einem tiefen Gefühl, richtig zu sein, genau so wie wir sind. Mit allem, was wir können und nicht können. Und nicht Anerkennung zu suchen an den falschen Stellen.

Gerade die Kinder – und ja, das sind wir eigentlich noch wenn wir zu dir kommen – die aus besserem Hause kommen. Gerade die, die Spitzenleistungen erbringen können. Gerade die, die später mal Führungspositionen übernehmen können. Gerade die müssen eine Chance haben herauszufinden wer sie sind und was sie bewegen wollen in der Welt. Und nicht nur, wie man in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Geld verdient. Bei dir lernen wir, dass ein maximales Gehalt das maximal Erstrebenswerte ist. Wo lernen wir, dass Geld alleine nicht glücklich macht? Und wie wir uns schützen können vor den Verführungen von „Erfolg“?

Wie oft habe ich Unternehmensberater getroffen (natürlich nicht nur HHLer), oft zwischen 35 und 45, die noch keine Familie und nur wenige oberflächliche Freundschaften hatten, weil sie alles für den Job gegeben haben – und die damit todunglücklich waren. In einem meiner Praktika hat ein Berater mit Tränen in den Augen zu mir gesagt, dass er mich beneidet um meine Klarheit, nicht in die Beratung zu gehen. Und dass er weiß, dass es ihn nicht glücklich macht Berater zu sein. Aber er weiß nicht, was er sonst machen soll. Dieses Gefühl kam mir doch sehr bekannt vor. Und rauszufinden was man will ist ein harter Weg. Vielleicht der härteste überhaupt.

Ich wünsche mir, dass wir nicht lernen, wie wir das System möglichst gut weiter bedienen können, sondern dass ein Forschungsraum entsteht mit der Frage, wie es denn sonst gehen kann. Gerade hier. Gerade wir.

Man könnte nun sagen, dieser Weg ist die persönliche Verantwortung eines jeden einzelnen, sich zu fragen wer er ist. Und ja, das ist auch so. Nur – wenn man ehrlich ist, bringst du uns in einer wichtigen Lebensphase sehr viel darüber bei was (in deinen Augen) die Welt von uns erwartet und wie wir am besten zu sein haben, um dazu zu passen. Ich bitte dich, dir dieses Einflusses bewusst zu sein und sehr bedacht zu wählen, wie du uns prägst. In dem Alter wissen wir meist noch nicht wer wir sind und das ist ok.

Natürlich sind auch Elternhäuser, Schulen und Kindergärten gefragt. Natürlich kann und soll das eine Uni nicht vollumfänglich leisten, aber sie sollte einen liebevollen Schubs in diese Richtung geben. Aus Verantwortungsgefühl gegenüber ihren Schützlingen. Aus Achtsamkeit. Vielleicht auch aus Nächstenliebe. Ich will nicht nur lernen wie man leistet, ich will auch lernen wie man dabei nicht kaputt geht.

Wenn dein Anspruch ist, die Führungselite von morgen auszubilden, dann wünsche ich mir, dass diese Menschen nicht nur Besserverdiener sind, sondern herausragende Persönlichkeiten. Integere, achtsame und mit sich in Frieden befindliche Persönlichkeiten.

Um einen wirklichen Unterschied zu machen in unserer Welt, um eine wirklich exzellente Managementausbildung zu liefern sind dies – für mich ganz persönlich – unumgängliche Bausteine in der Ausbildung. Mir hätte es sehr viel weitergeholfen.

Ich bin dir in Dankbarkeit verbunden für das, was du mich gelehrt hast. Ich wäre nicht wer ich bin, ohne deinen Einfluss.

Von Herzen alles Liebe

Luise

Photo by Joanna Kosinska on Unsplash

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Ich bin Luise und Bloggerin aus Leidenschaft. Ich liebe Fahrrad fahren und Mittagsschlaf. Ich lebe für Liebe, Wärme, Licht und Farben. Und dafür, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Es ist meine tiefste Überzeugung, dass mit ein bisschen mehr Selbstliebe in jedem von uns die Welt ein noch schönerer Ort wird. Also, lasst uns anfangen :)

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