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Von 8qm zurück auf 80qm – 12 Erkenntnisse nach einem halben Jahr im Wohnmobil

Elternzeitreise mit dem Wohnmobil

Es waren lange und intensive Monate, die wir auf unseren Elternzeitreisen in Norwegen und Italien mit dem Wohnmobil verbracht haben. Wundervolle Monate, die so anders waren, als unser Leben zu Hause. Anders – im schönen und auch im anstrengenden Sinne.

Nach unserer Rückkehr haben wir viel darüber gesprochen, was wir mitnehmen, was wir gelernt haben und was wir mitnehmen wollen in unser „neues, altes Leben“ mit unserem mittlerweile über 8 Monate alten Sohn Oskar.

Dabei herausgekommen sind 12 Erkenntnisse, die wir im Folgenden mit dir teilen wollen. Da der Artikel etwas länger geworden ist, gibt es wieder ein Inhaltsverzeichnis:

1. Einfachheit entspannt.

Einfachheit unterwegs ging beispielsweise beim Essen los. Ohne Backofen fallen im Wohnmobil viele Gerichte weg, außerdem essen wir vegan. Dadurch hat sich die Auswahl an Gerichten, die wir zum Mittag gegessen haben, auf maximal 10 begrenzt. Aus diesen haben wir immer wieder gewählt. Zum Frühstück gab es immer Müsli und abends immer Brot mit veganen Aufstrichen oder für Luise (die nicht sooo gerne Brot ist) ausnahmsweise mal eine Suppe.

Quinoa-Avocado-Salat an der Stabkirche in Urnen… mit Blick 🙂

Zu Hause wollen wir das quasi übertragen, indem es einen festen Essensplan gibt, der sich derzeit alle 4, zukünftig vielleicht alle 8 Wochen einfach wiederholt. Insbesondere seit Oskar mit isst, ist es sonst relativ anstrengend, immer alles spontan zu entscheiden. So haben wir nun genug Abwechslung und auch „Joker“ für das Ausprobieren neuer Gerichte, Essen bestellen oder Resteverwertung. Und gleichzeitig Ruhe im Kopf, weil Sonntag immer schon klar ist, was es nächsten Samstag geben wird – insofern wir zu Hause sind.

Auch in Bezug auf Kleidung war es unterwegs im Wohnmobil einfacher und das obwohl wir von 25 Grad bis knapp unter 0 Grad alles hatten. Einfach, weil gar nicht genug Platz war, um den gesamten Kleiderschrank mitzunehmen. Eigentlich können wir (fast) alles aussortieren, was wir in diesem halben Jahr nicht dabeihatten, denn wir brauchen es nicht. Damit haben wir auch schon angefangen. Natürlich gibt es einige Ausnahmen wie festliche Kleidung oder Sportsachen, aber auch die gilt es zu reduzieren. Luise versucht es auch gerade mal wieder mit einer „Capsule Wardrobe„, also einem Kleiderschrank der nur ca. 30-40 Lieblingsstücke enthält, die dafür aber sehr gut miteinander kombinierbar sind.

Was auch entspannt ist die Einfachheit der „to do“-Liste. Unterwegs war es möglich – und auch gar nicht so selten, ein Stadium zu erreichen, in dem einfach nichts mehr zu tun ist. Wenn das Wohnmobil „frisch“ war (also altes Wasser raus, neues rein, Klo leer und Batterie voll), Hund und Kind versorgt waren und wir gegessen und abgewaschen hatten gab es einfach nichts mehr, was unbedingt getan werden musste. Vor allem Luise hat das sehr beim Entspannen geholfen. In unserem „normalen Alltag“ ist dieses Stadium schier unerreichbar, da es immer irgendwas zu tun gibt. Wir wollen genauer darauf schauen, was das eigentlich ist. Was sind die Dinge, mit denen wir zu Hause unsere Zeit füllen, die wir unterwegs gar nicht hatten? Steuererklärungen gehören dazu, Post beantworten und Weihnachtskarten verschicken. Und was noch? Wir werden sehen.

2. Begrenztheit entspannt – vor allem mit Baby.

Alles, was wir regelmäßig brauchen, war im Wohnmobil in einer Armlänge Abstand erreichbar. Beim Wickeln der Wasserhahn, beim Essen die Butter oder das Besteck. Wenn – wie es meistens der Fall war – einer mit Oskar auf dem Bett saß und der andere auf dem gedrehten Beifahrersitz, konnten wir alle Dinge mit einem Handgriff erreichen und uns auch hin- und herreichen. Meistens sogar ohne aufstehen zu müssen.

Elternzeitreise im Wohnmobil
Begrenztheit hat nicht nur Vorteile 😀

Für Oskar war diese Umgebung im Wohnmobil scheinbar ideal – insbesondere für diese Phase zwischen 9 Wochen und 7 Monaten, während der wir unterwegs waren. Es gab nur einen Raum und alles, was außerhalb dieses Raumes stattgefunden hat – wandern zum Beispiel – hat er aus einem sicheren Platz getragen von Mama oder Papa erlebt.

Der Ort an dem wir geschlafen haben, gestillt, gewickelt und gespielt – war die meiste Zeit das Bett im Wohnmobil. Manchmal auch eine Picknickdecke oder Yogamatte draußen.

Wir glauben (im Moment), dass ihm diese Art, einen so großen Teil seines ersten Lebensjahres verbracht zu haben, viel Sicherheit gegeben hat. So viel Nähe zu uns in einer 2-zu-1-Betreuung, so viel Körperkontakt, so viel Zeit. Niemand musste den Raum verlassen, um Essen zu machen oder Zähne zu putzen. 

Und wenn wir abends das Wohnmobil ringsherum zu gemacht haben, war es vollkommen egal, ob wir auf den Lofoten oder an der Amalfiküste stehen. Von innen sah alles immer gleich aus.

Morgens haben wir die Plissees runtergeschoben und hatten immer wieder einen anderen Blick. Das war eine gute Mischung aus Berechenbarkeit und Konstanten einerseits und Abwechslung andererseits.

Blick auf den Torhatten nahe Bronnoysund, Norwegen

Wenn du mehr Gedanken und Tipps zu einer Wohnmobilreise mit Baby lesen möchtest, gibt es hier einen ganzen Artikel dazu.

Was uns im Übrigen aber auch sehr entspannt hat war – zurück zu Hause – das Gefühl, nirgendwo hin zu müssen. Das ist ja auch eine Form von Begrenztheit. Egal ob in Norwegen oder Italien, uns war immer bewusst, dass wir mit Oskar noch ungefähr 20 Fahrtstunden nach Hause haben. Und lange Fahren ist das Einzige auf unserer Reise gewesen, was mit ihm (wie bei vielen Babys) einfach wirklich Stress-Potential hatte. Es war dann letztlich insbesondere auf der Heimfahrt von Italien gar nicht stressig, aber allein das Gefühl, eine so große Distanz überwinden zu müssen hat ein bisschen Unruhe im Unterbewusstsein gestiftet.

3. Ordnung entspannt.

Alles braucht einen festen Platz. Wirklich alles. Die Kopfhörer fürs Handy, die Zeckenzange für den Hund, der Autoschlüssel während wir standen. Das ist etwas, was viel Zeit gespart hat und auf so knappem Raum wie im Wohnmobil einfach notwendig ist, weil sonst extrem schnell Chaos herrscht. Das lässt sich gut auf zu Hause übertragen.

So wie wir im Wohnmobil nach ein paar Wochen des Reisens ziemlich schnell „abfahrfertig“ waren ist es zu Hause unser Ziel, in unter einer Stunde „besuchsbereit“ zu sein. Nicht, um irgendwelche Erwartungen zu erfüllen, sondern um die „to dos“ in unserer Wohnung für uns dauerhaft überschaubar zu halten.

Außerdem hatten wir noch die Erkenntnis, dass Reisen andere Dinge braucht als zu Hause leben. Luise dachte schnell, dass wir ja eigentlich alles weggeben können, was wir nicht mit hatten 😀 Unnötig zu erwähnen, dass sie diejenige von uns ist, die den stärkeren Minimalismus lebt 😀 Wieder zu Hause haben wir aber gemerkt, dass es doch einfach Dinge gibt, die man zu Hause braucht, unterwegs aber nicht. Wir hatten kein Nudelholz mit, wollen zu Hause aber vielleicht doch mal wieder Plätzchen backen. Einen Anzug hatte Christian auch nicht dabei, braucht den für die Arbeit aber vielleicht doch mal wieder. Sowas. Weihnachtsdeko hatten wir auch nicht im Wohnmobil (immerhin aber irgendwann eine Bildergalerie). Davon gibt es ziemlich viele Dinge.

Wenn dich interessiert, was wir unterwegs dabei hatten, findest du hier einen ganzen Artikel dazu – unsere „Packliste“.

Und dennoch ist immer wieder die Frage – in Verbindung mit den Erkenntnissen vorher – was es wirklich verdient hat, immer wieder von uns aufgeräumt zu werden und ob es nicht Dinge gibt, die wir entweder nicht mehr brauchen (und sie dann nicht wegräumen müssen), oder die einen anderen festen Platz bekommen sollten, damit sie nicht oder nicht so weit weggeräumt werden müssen.

4. Routinen entspannen.

Abendroutine, Abfahrfertig-Routine, Ver-und-Entsorgungs-Routine. Der Alltag im Wohnmobil bestand eigentlich aus dem Abspulen bekannter Routinen – was auch Freude machen kann – und aus dem Erleben neuer Dinge. Diese Kombination hat uns gut getan. Wir konnten uns so einerseits auf Bekanntes, nämlich unsere Routinen verlassen. Und hatten dann auch den Kopf und Zeit frei, uns Neuem zuzuwenden. Neuen Städten, Stellplätzen, Routen und überhaupt. Wenn dich unsere gesamte Route und viele Bilder aus Norwegen interessieren findest du hier einen ganzen Artikel dazu.

Und neben Routinen entspannen auch klare Zuständigkeiten. Es war sehr klar, dass Christian sich um „außen“ kümmert. Wasser nachfüllen, Schwarzwasser entleeren, Auffahrkeile und Stromkabel wieder verstauen bevor wir weiterfahren. Luise hat das Wohnmobil innen abfahrfertig gemacht. Das Bett gemacht, die vielen kleinen Handgriffe in der Küche, im Bad und rund um Oskars Sitz. Ihr Job war auch der „letzte Rundumblick“ ob alles fest ist, bevor wir losfahren. Das hat uns beide sehr entspannt und auch einfach schneller gemacht.

Insbesondere für Dinge, die geteilte Verantwortlichkeiten brauchen, helfen Checklisten. Es gibt bei uns mittlerweile beispielsweise eine „einer ist mit Baby alleine“-Checkliste, die der jeweils andere nochmal nachgucken kann, bevor er oder sie die Wohnung verlässt. So Kleinigkeiten wie „Küche ist benutzbar“, „der Hund war unten“, „der Essplatz ist vorbereitet“ oder „Wickelkiste ist vollständig“ können dem bleibenden Elternteil viel Entspannung bringen.

5. Zeitautonomie entspannt.

Es geht gar nicht unbedingt darum weniger zu tun zu haben als sonst – wir hatten im Wohnmobil wahrscheinlich auch gar nicht weniger „Aufgaben“ als zu Hause. Aber es geht darum, die Dinge in unserem Tempo und unserer Reihenfolge tun zu können. Zurück im normalen Alltag wollen wir öfter bei Terminen prüfen ob die wirklich dringend notwendig sind. Wir wollen uns (auch nach Corona) mit Freunden eher zu Hause verabreden als im Restaurant. Damit auch mal jemand zu spät kommen darf und es nicht so schlimm ist. Oder gleich Zeiträume verabreden, bei denen einfach Bescheid gesagt wird, wenn man sich auf den Weg macht. Wir wollen noch stärker lernen, wirklich Wichtiges von nur anscheinend Wichtigem zu unterscheiden.

Und auch unser Wohnmobil-Alltag war auf eine gewisse Art geprägt von „Terminen“. Oskars Schlafphasen, Fähr-Fahrten, Checkout-Zeiten bei Campingplätzen, Hundebedürfnissen. Der entscheidende Unterschied bei diesen Terminen war, dass sie nicht super fix waren und wir sie jederzeit verschieben konnten. Ein Tag länger auf dem Campingplatz bleiben oder eben für den Nachmittag bezahlen (wobei das in der Nebensaison nicht wirklich jemanden interessiert hat), nächste Fähre nehmen, in der nächsten Schlafphase fahren. Können wir solche „flexiblen Termine“ nicht noch stärker in den Alltag einbauen?

Leben am Limit 😀

Und im beruflichen Alltag wollen wir sehen, wer es eigentlich ist, der uns den Zeitstress macht. Wir? Kollegen? Chefs? Und was kann man im Einzelfall tun? Zumindest hinterfragen wird helfen, wenngleich auch unser normaler Alltag logischerweise sehr viel mehr Termine haben wird als wir während der Elternzeitreise hatten.

Eingerechnete Puffer helfen ungemein. Auf der Rückfahrt von Italien waren wir – dank Corona – 2 Wochen zu früh dran und hatten die quasi als Puffer. Die Rückfahrt war auch dank unseres Sohnes sehr entspannt. In Schweden sind wir auf dem Rückweg deutlich weniger Kilometer und Stunden pro Tag gefahren, hatten aber deutlich mehr Stress, weil wir wussten, dass wir am Tag X ankommen müssen. Und das nur, weil wir uns selbst Termine gelegt hatten. Wir werden also verstärkt darauf achten, auch im Alltag hier und da immermal ein halbes Stünchen Puffer zu planen für „Zeit vergeht von alleine“. Das macht Luise schon länger so, Christian plant bisher eher knapp. Und wenn für eine halbe Stunde Puffer keine Zeit ist, dann muss wohl irgendwas vom Zeitplan gestrichen werden.

Selbst die Kommunikation mit unseren Freunden und der Familie haben wir weiterstgehend zeitautonom gestaltet, da die meistens über Sprachnachrichten lief. So oft hat einer von uns Oskar getragen und, nachdem er eingeschlafen war, Zeit gehabt Sprachnachrichten zu hören und zu beantworten. Oft mit Blick auf einen hübschen Fjord.

Die Krux mit Terminen ist ja, dass wir immer für eine Zukunft planen, von der wir noch gar nicht wissen wie sie sein wird. Und wer wir dann sein werden, wie es uns dann geht. Wenn Treffen mit Freunden heute doch nicht gut passen, wir eigentlich Entschleunigungs-Zeit brauchen, wollen wir das noch öfter offen ansprechen und die Termine nicht aus „ich will nicht als unzuverlässig wahrgenommen werden“ gegen das eigene Gefühl trotzdem einhalten.

6. Reisen und Urlaub sind zwei unterschiedliche Dinge.

Während unserer gesamten Reise in Norwegen und Schweden haben wir maximal 3 Nächte mit dem Wohnmobil an einem Ort verbracht und das ist auch nur 3 oder 4 Mal insgesamt passiert. Sonst waren wir immer eine oder maximal 2 Nächte an einem Ort. Und dann kam Corona in Italien. Wir waren „gezwungen“, 10 Tage auf dem gleichen Campingplatz zu bleiben. Die einzige andere Option wäre die Heimfahrt gewesen. 

Es hat uns unfassbar entspannt, nicht mehr das Gefühl zu haben, ständig weiter zu wollen. Hier noch eine Stadt angucken, da noch eine schöne Route fahren oder da einen tollen Stellplatz finden. All das gab es plötzlich nicht mehr. Wir haben das erste Mal seit langem wieder mit Oskar draußen auf der Picknickdecke gegessen, haben dort zusammen rumgekullert, haben viele Strandspaziergänge gemacht und uns die ein oder andere Pizza schmecken lassen. Ohne einen Gedanken an „morgen“ oder den folgenden Reiseplan. Wir haben immer wieder für uns geschaut, ob es sich noch stimmig anfühlt, zu bleiben und wann wir Lust haben, wieder nach Hause zu fahren. Wir sind so richtig in einem Urlaub angekommen. Dank Corona – wie so oft in diesem Sommer eher zu unserem Vorteil. 

Und ja, der „Nachteil“ ist, dass wir in der Zeit nicht so viel Neues erlebt haben und die Tage in unserer Erinnerung sehr stark verschwimmen. Die Zeit fühlt sich im Nachhinein fast genauso lange an wie 2 oder 3 Tage an einem Stellplatz. Aber es war mal entspannt. Und wahrscheinlich geht es letztlich – wie immer – um einen guten Mittelweg. Deswegen werden wir nicht gleich All-Inclusive-Urlauber.

Diese klare Unterscheidung von Reisen und Urlaub hatten wir beide so vorher nicht und empfinden sie als sehr wertvoll. Auch für künftige Reise- bzw. Urlaubsplanung.

7. Unsere Partnerschaft ist so gut, wie unsere Beziehungen zu uns selbst.

Unterwegs gibt es einen entscheidenden Faktor der bestimmt, wie viel Nähe und Distanz gerade geht – das Wetter. Und das war für uns zuerst ein gewöhnungsbedürftiger Umstand 😀

In Norwegen war das relativ entspannt, vor allem, weil es so lange hell war. Oft haben wir ganz in Ruhe Abendessen gemacht, dann hat noch einer Oskar draußen in den Schlaf getragen und der jeweils andere hatte (auch) Zeit für sich.

Wir hatten dadurch relativ automatisch jeder hin und wieder „Me-Time“, wenn beispielsweise einer auf den schlafenden Oskar im Wohnmobil aufgepasst hat oder eben draußen mit ihm unterwegs war. In Italien sah das ziemlich plötzlich anders aus, weil es einfach so zeitig dunkel und zu Beginn im Norden auch noch relativ kalt war. Das haben wir unserer Laune deutlich angemerkt.

Zu Hause hatten wir nun wieder das Problem, dass wir zwar genug Räume hatten für Me-Time, aber gleichzeitig so viel zu tun, dass man sich diese Zeiten für sich wirklich nehmen muss.

Im Moment schläft unser Sohn zweimal am Tag tagsüber abgelegt im Familienbett, was ein großer Segen und nicht selbstverständlich ist. Spätestens in der zweiten Schlafphase lässt Luise alles stehen und liegen und rollt die Yogamatte aus. Jeden Tag. Christian kann häufig die Zeit, wenn Luise Oskar ins Bett bringt oder er mit dem Hund rausgeht für sich nutzen. Beispielsweise zum Meditieren oder für Kontakt zu seinen Herzensmenschen. 

Diese Zeiten so konkret für uns einzuplanen mussten wir erst hart lernen – und sind immernoch dabei. Wenn wir das nicht tun, streiten wir uns in einer Tour, weil wir beide angespannt sind. Dazu gehört, dass sich das Geschirr in der Küche auch mal 3 Tage stapelt, weil wir nicht dazu gekommen sind, den Geschirrspüler auszuräumen. Aber eine unordentliche Küche ist uns lieber als ständige Anspannung und Überforderung – die es natürlich trotzdem hin und wieder gibt.

Was uns gerade auch sehr hilft ist der Onlinekurs von Transparents. Das ist ein Kurs zum Thema „Elternschaft in Beziehung“. Spannend ist, dass uns solche externen Termine ebenso helfen, alles stehen und liegen zu lassen und uns mit dem zu beschäftigen, was für uns wirklich zählt.

8. Es ist ok, sich Mal nicht aushalten zu können. Und es geht trotzdem weiter.

Eine Freundin von Luise hat ihr irgendwann rund um Oskars Geburt mal ganz beiläufig erzählt, dass ihr Mann und sie sich versprochen haben, dass es im ersten Jahr nach der Geburt ihres Babys keine Trennung geben wird. Und dass es immer wieder Situationen gab, in denen sie dieses Versprechen als sehr wertvoll erachtet hat, weil es wirklich schlimm war.

Luise dachte in dem Moment „jaja, so schlimm wird es schon nicht“. Oh doch. Es gab ein, zwei Streits die so schlimm waren, dass wir beide solche Gedanken hatten. „Wenn das länger so bleibt, müssen wir leider getrennte Wege gehen, weil es zu viel Energie kostet“. 

Die Erkenntnis ist (mal wieder), dass Liebe auch eine Entscheidung ist. Anhaltende Beziehungen sind (für uns) nicht die, die immer rosarot sind. Sondern die, die die Themen auf den Tisch bringen und bearbeiten. Individuelle und kollektive Beziehungsthemen. Auch anderen (Eltern-)paaren geht es so, damit sind wir nicht allein. Und immer öfter sprechen Menschen sogar darüber. Streit gehört einfach dazu, insbesondere in emotional und körperlich so anstrengenden Zeiten wir mit einem Menschenbaby und einem Hundeopa. Und wir durften merken, dass auf diese saumäßig anstrengenden Zeiten immer wieder längere Phasen großer gegenseitiger Achtsamkeit und liebevoller Verbundenheit folgen. Vielleicht ist es das, was man Leben nennt?

Familie on Tour 🙂

Und es wird immer anders werden. Wir wachsen, wir kommen an unsere Themen und können die nach und nach in Heilung bringen. Aber der erste Schritt zur Veränderung ist wie immer die liebevolle Annahme, dass die Dinge gerade sind, wie sie sind. Und das wir sind, wie wir eben sind.

Wir hatten beide durchaus auch großen Respekt vor so viel Zeit auf so engem Raum im Wohnmobil. Wir beide brauchen Rückzugsräume und Freiheiten für uns, was mit Baby sowieso schon nicht so einfach ist. 

Diese Reise war eine große Bewährungsprobe für uns als Paar und als Eltern – die wir (in unseren Augen) richtig, richtig gut hinbekommen haben. Wir haben noch besser gelernt, uns konstruktiv auseinanderzusetzen und jeder für sich Mittel und Wege zu finden, um sich Freiraum zu verschaffen. Die eigenen Bedürfnisse wieder stärker spüren gelernt und gelernt, wie lange wir sie zurückstellen können und wann es genug ist.

9. Wir geben unterwegs nicht weniger Geld aus, aber für andere Dinge.

Die finanzielle Betrachtung der Reise-Zeit finden wir auch ziemlich spannend. In einer so besonderen Situation im Wohnmobil unterwegs hätten wir vorher gedacht, dass die laufenden Kosten etwas sinken müssten. Vorab: dem war nicht so.

In unserer finanziellen Betrachtung lassen wir die Anschaffungskosten für das Wohnmobil mal außen vor. Das ist natürlich nicht ganz richtig, wenigstens Kapitalbindungskosten müsste man einkalkulieren, das führt uns aber zu weit.

Grundsätzlich muss unterschieden werden zwischen den Kosten der Reisevorbereitung und Kosten während der Reise selbst.

Kosten der Reisevorbereitung mit dem Wohnmobil

Für die Erstausttattung von Karl haben wir relativ viel Geld ausgegeben. Je nachdem was man alles mitzählt waren das locker um die 1.500€. Gasmelder hier, Auffahrkeile da, Campinggeschirr dort. Das summiert sich einfach und sind Kosten, die wir ohne die Reise nicht gehabt hätten. Und klar, wenn wir langfristig kein Wohnmobil haben sollten kann man davon einen großen Teil gut weiterverkaufen. Das werden wir sehen.

Dass wir unterwegs – vor allem in Norwegen – so viel „autark“ essen konnten war der Tatsache zu verdanken, dass wir relativ viele Lebensmittel mitgenommen haben. Auch, weil wir Wert auf Bio-Qualität legen und das in Norwegen einfach noch nicht so verbreitet ist. Dafür haben wir natürlich vor der Reise nochmal ordentlich Geld ausgegeben – für Lebensmittelvorräte und eine gefühlt unendliche Anzahl des Davert Taboule-Salats 😀

Das sind eigentlich die beiden Hauptkostentreiber vor der Reise. Es gab noch ein bisschen Kleinkram wie Reiseführer, für Italien die italienische Version des „Landvergnügen“ (dort heißt es „Greenstop24“) oder aktualisierte Reisepässe. Das hat sich aber nicht stark summiert.

Kosten während der Reise mit dem Wohnmobil selbst

Insbesondere in Norwegen haben wir nur für sehr wenige Dinge überhaupt Geld ausgegeben – dafür aber dort deutlich mehr als in Deutschland. Allem voran Lebensmittel. Die waren gemeinsam mit Sprit für Karl der größte Kostenfaktor. An dritter Stelle kamen dann Kosten für Campingplätze und Waschmaschinen-Gänge. Auch Maut hat ordentlich zu Buche geschlagen. Wobei bisher nur ein Bruchteil der ungefähr 500€ Rechnungen, die wir erwartet haben, aus Norwegen angekommen sind. 

Wir haben in der ganzen Zeit in Norwegen nur einmal in einem Lokal gegessen und uns zweimal eine Pizza bei „Pizza Bakeren“ geteilt, die wir aber auch im Wohnmobil gegessen haben. Auswärts essen und/oder Essen bestellen ist etwas, was wir zu Hause sehr viel häufiger machen.

In Italien haben wir sehr viel mehr Geld ausgegeben für „auswärts essen“, das ist aber auch deutlich günstiger als in Norwegen. Gute Pizza gibt es häufig schon für 4-6€ pro Person. Wir haben schnell die Naturasi-Kette entdeckt, eine Art Reformhaus. Bio-Lebensmittel waren tatsächlich deutlich teurer als in Deutschland. Die haben wir nicht nach Italien mitgenommen, weil viele der in Deutschland verkauften Produkte aus Italien kommen und wir dachten, das wird schon passen. Hm, tat es nicht 😀 Das hat die Kosten für Lebensmittel in die Höhe getrieben.

Darüber hinaus sind in Italien die Campingplätze in der Nebensaison teurer als in Norwegen während der Hauptsaison, das haben wir vorher etwas unterschätzt. Zudem sind wir deutlich häufiger auf Campingplätze oder zumindest offizielle Wohnmobilstellplätze gefahren, weil das freie Stehen nunmal in Italien nicht so geduldet wird wie in Norwegen. Während Corona hätten wir es sicher drauf ankommen lassen können, hatten aber mit Baby auch keine Lust auf Stress. Auch Maut hat sich in Italien auf schätzungsweise 200€ summiert, wobei wir durch Corona nicht so viel gefahren sind wie wir eigentlich geplant hatten.

Spannend war auch, welche Kostentreiber unterwegs einfach wegfallen. Beispielsweise hatten wir ein richtiges Loch im E-Mail-Posteingang – keine Bestellbestätigungen, keine Versandinformation, keine eventuellen Retouren-Aufkleber. Wir haben an keinen Seminaren teilgenommen (das machen wir sonst viel, dazu gibt es auf der Startseite eine ganze Kategorie :D), haben keine neuen Bücher oder Technik-Kram gekauft und auch keine Anziehsachen für unseren Sohn (die haben wir aber natürlich vorher besorgt). Wir haben keine Geburtstagsgeschenke gekauft, weil wir auf keinen Geburtstagsfeiern waren. Und wir hatten keine Ausgaben für den größten Luxus, den wir uns zu Hause gönnen – unsere Putzfee. Kein Monatsticket für die Öffis, keine Fahrrad-Reparaturen. Sowas ist einfach weggefallen.

Unterm Strich kann man sagen, dass wir in etwa gleich hohe laufende Kosten wie in einem vergleichbaren Zeitraum zu Hause hatten.

10. Sicherheit hat ihren Preis. Freiheit aber auch.

Häufig sprechen wir darüber, wie hoch unser Sicherheitsbedürfnis und Freiheitsbedürfnis ist. In Bezug auf so viele Dinge – so ein Einfamilienhaus zum Beispiel wäre im Moment gar nichts für uns, schlicht weil es uns nicht wert ist, unsere Freiheit dafür aufzugeben. Wenn wir weniger arbeiten oder uns irgendwann mal länger freistellen lassen wollen dann können wir das, weil wir eben kein Haus abbezahlen müssen. Ein paar wenige Versicherungen haben wir aber trotzdem und auch einen festen Job zu haben ist im Moment etwas, was wir zu schätzen wissen. Wir würden unser Sicherheitsbedürfnis also als normal-moderat bezeichnen, je nachdem, mit welchem Lebensentwurf man sich vergleicht. 

In diesem Gefühl – unsere Freiheit vielleicht verhältnismäßig etwas stärker einzufordern als beispielsweise viele ArbeitskollegInnen – war uns zu Beginn der Reise nicht bewusst, dass diese Freiheit auch ihren Preis hat. Der Preis der Sicherheit wäre gewesen, so eine Reise gar nicht zu machen.

Der Preis der Freiheit war, dass wir beispielsweise zu verschiedenen großen Feiern nicht da waren. Luises Opa und Christians Onkel hatten jeweils einen runden Geburtstag und eine liebe Freundin hat geheiratet. Und wir waren richtig weit weg. Bei Menschen die noch mehr oder länger reisen als wir, wird das sicher häufiger so sein und ist etwas, was uns in der Klarheit vorher nicht bewusst war.

Auch, dass Oskars Großeltern ihn eigentlich erst regelmäßig sehen können, wenn er schon mindestens 8 Monate alt ist. Unsere Eltern wohnen jeweils etwas weiter weg, aber besucht hätten sie uns oder wir sie sicherlich öfter mal, wenn wir zu Hause gewesen wären.

Und auch unterwegs gab es – wenn auch nur sehr wenige – Situationen, in denen wir uns unsicher gefühlt haben. In Norwegen war eine Nacht schon relativ weit nördlich so windig, dass wir mitten in der Nacht davon aufgewacht sind und unser Unterbewusstsein anklopfte und fragte, ob Wind eigentlich in der Lage ist, ein 3,5t-Auto zu bewegen? Wir haben uns entschieden, umzuparken. Christian hat im strömenden Regen die Auffahrkeile reingeholt und wir haben uns einfach nur um 90 Grad gedreht und uns etwas weiter weg von der Steilküste hingestellt. Das ist etwas, was wir zu Hause mit Baby zu schätzen wissen – egal wie sehr es draußen blitzt, donnert, tobt, ein Unwetter wird niemals unser Bett bewegen können.

Diese existenzielle Angst mal wieder gehabt zu haben hat uns sehr geerdet und lässt uns so etwas wie ein Wohnhaus aus Stein – etwas sonst sehr Selbstverständliches – wieder mehr zu schätzen wissen. Das ist auch der Preis dieser Art von Freiheit.

11. Diese Zeit im Wohnmobil war – bisher – eine der intensivsten Erfahrungen unseres Lebens.

Bisher habe ich gedacht, an die Heldenreise wird an Intensität so schnell nichts rankommen. Das war, bevor wir Eltern geworden sind 😀 

Auch ohne eine Elternzeitreise mit dem Wohnmobil ist insbesondere die erste Zeit nach der Geburt eines Kindes vermutlich eine der intensivsten Zeiten, die man in seinem Leben erlebt. Und wir haben oft das Gefühl, dass wir diese Zeit durch unsere Reise noch intensiviert haben – in Bezug auf die anstrengenden Dinge, aber auch auf die schönen.

Intensive Erfahrungen bringen oft auch mit sich, dass wir uns in vielen Dingen noch klarer geworden sind. Das Gefühl, immer wieder unser Leben so zu gestalten wie es uns wirklich gut tut ohne zu sehr darauf zu achten, was andere machen oder wie andere finden was wir tun, ist seither noch präsenter. 9 Monate gemeinsame Elternzeit muss man sich leisten können – und wollen. Aber für uns war und ist es jeden Cent wert. Wir sind klarer darin, dass wir beide nicht mehr Vollzeit arbeiten wollen. Darin, dass wir mittelfristig in Gemeinschaft leben wollen. Darin, dass wir uns einen Alltag erschaffen wollen in dem wir leicht und viel draußen sein können.

Wieder zu Hause anzukommen war sehr surreal. Durch unsere Wohnung zu gehen, die ungefähr 10fach so groß ist wie Karl. Und die so viel Platz bietet, den wir auch wirklich gut gefüllt haben 😀 So viel Kram, so viele Wände, Türen, ein Wohnungsschlüssel! Selten zuvor sind wir mit so einem Gefühl nach Hause gekommen – nach so langer Zeit. Und das ist auch ein Gefühl von Absurdität. Wie absurd die Vorstellung eigentlich ist, dass jede Familie eine eigene Wohnung hat, in der sie aber oft nur die Abende und Wochenenden verbringt, weil tagsüber alle ausgeflogen sind – entweder zum Geld verdienen oder um betreut zu sein, während die Eltern Geld verdienen. Wenn wir unsere Wohnungen so effizient nutzen würden wie den Platz in einem Wohnmobil, dann könnte man in unserer Wohnung auch locker mit 3 Kindern leben 😀 

12. Vanlife ist schön, aber (für uns) nichts für immer.

Auf die Toilette gehen, ohne dass sich danach noch irgendwann jemand darum kümmern muss!!! Wooohooo! Einfach zu duschen mit dem Wissen, dass noch genug Wasser da sein wird, um die Seife auch wieder loszuwerden. Eine Spülmaschine. Und eine Waschmaschine die frei ist, wenn ich sie benutzen will. Bio-Essen kaufen können – zu Fuß oder mit dem Fahrrad – und nicht komplett arm werden dabei. Verrückt. Alles Dinge, die wir wieder sehr zu schätzen wissen, seitdem wir wieder zu Hause sind.

Auch, dass wir aus dem Zimmer gehen können, wenn der Kleine schläft und uns im Nachbarraum unterhalten können. Duschen können, während Oskar seinen Mittagsschlaf macht! Yoga machen, wenn es draußen regnet! Oder sogar dann erst recht. All die kleinen Selbstverständlichkeiten des Alltags in einer Wohnung würden wir auf jeden Fall nicht auf Dauer missen wollen.

Zu Hause ist es etwas langweiliger, aber einfach praktischer. Unterwegs dafür deutlich aufregender, aber eben in vielen Belangen sehr viel umständlicher. Wahrscheinlich ist die „Lösung“ wie so oft, die Mischung aus beidem zu haben und die Freiheit, immer wieder mal der Wohnung entfliehen zu können. Auf Dauer in einem Wohnmobil (oder auch mit Kindern in einem Tiny House) zu leben, kommt deswegen für uns nicht in Frage.

Die Zeit unterwegs war wunderbar und wir sind unendlich dankbar dafür, dass wir zur gleichen Zeit sowohl die Zeit dafür als auch die finanziellen Mittel dafür hatten und ein Baby, mit dem man sowas machen kann. Es war eine Reise und eine Reise darf auch wieder ein Ende haben. Ob wir sowas mit einem nächsten Kind wieder machen können und wollen wissen wir noch nicht, das wird die Zeit zeigen. In jedem Fall sehen wir aber unsere Wohnung und die Annehmlichkeiten des Alltags wieder mit sehr viel wertschätzenderen Augen. Und unser Fernweh ist zumindest für eine Weile gestillt.

Was denkst du darüber? Habt ihr auch ein Wohnmobil und wart damit schonmal länger unterwegs? Oder habt ihr vor, euch eines zu kaufen oder zu mieten? Was sind eure Gedanken, Ideen und Überlegungen? Habt ihr Erfahrungen, an denen ihr mich und uns teilhaben lassen möchtet? Ich bin sehr gespannt auf deine Meinung, entweder in den Kommentaren oder an luise@zeitgeistich.de! Und wenn du den Artikel magst – spread the love and share the happiness (auf Facebook, Twitter oder wo du sonst bist). Ich danke dir von Herzen.

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Kategorie: elternzeitreise.

von

Ich bin Luise und Bloggerin aus Leidenschaft. Ich liebe Fahrrad fahren und Mittagsschlaf. Ich lebe für Liebe, Wärme, Licht und Farben. Und dafür, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Es ist meine tiefste Überzeugung, dass mit ein bisschen mehr Selbstliebe in jedem von uns die Welt ein noch schönerer Ort wird. Also, lasst uns anfangen :)

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