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Wie sich echte Empathie anfühlen kann und was wir stattdessen oft tun

Empathie

Diese Empathie… sie begleitet mich nun schon eine Weile und wir hatten es nicht immer leicht miteinander. Anfangs wollte es nicht in meinen Kopf, warum ein „Das kenne ich auch!“ denn bitte nicht emphatisch sein soll. Dafür gibt es doch so viel soziale Belohnung. Und mittlerweile musste ich einsehen, dass die meisten Verhaltensweisen, die ich mal mit „sei empathisch“ gelernt habe, so überhaupt nichts mit echter Empathie zu tun haben. Wir haben uns so viele Dinge ausgedacht (also wir Menschen), wie wir das Gefühl des anderen nicht wirklich aushalten müssen, nicht wirklich Raum dafür geben müssen und trotzdem nicht unhöflich erscheinen. Das, was ich bisher darüber glaube verstanden zu haben (und was mit Sicherheit lange nicht vollständig ist) möchte ich heute gerne mit dir teilen.

Genauer hingeschaut: Was haben wir eigentlich gelernt?

Oft beschweren Menschen sich darüber, dass der andere gar keine Lösung will, sondern sich nur mal ausheulen. Ja, genau. Wertschätzender ausgedrückt: Es ist ein zutiefst menschlicher Wunsch, ganz gesehen und wahrgenommen zu werden von seinem Gegenüber, mit allem was da gerade ist. Damit richtig und immernoch geliebt und angenommen zu sein. Auch – und vor allem – wenn gerade nicht alles „gut“ ist.

Helfen zu wollen ist ebenso ein sehr natürlicher Impuls. Wenn wir sehen, dass es einem nahestehenden Menschen gerade nicht so gut geht wollen wir natürlich alles in unserer Macht stehende tun, damit es demjenigen besser geht. Wir wissen nur oft nicht, wie genau. Und – die negativen Gefühle des anderen können uns ängstigen, wenn sie uns zu sehr an unsere eigenen, vielleicht verdrängten Gefühle und Emotionen erinnern. Umgang – insbesondere mit heftigen Gefühlen – ist etwas, was wir als Gesellschaft irgendwie verlernt haben. Und was heute dazu führt, dass wir dann aus einer Überforderung und Stress heraus reagieren.

Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Jemand erzählt mir, dass die Treffen mit seinen oder ihren Eltern immer anstrengender werden und konfliktreich sind. Was habe ich gelernt zu tun? Hier eine kleine Auswahl:

  • „Das kenne ich auch – bei mir und meinen Eltern ist das so und so“ (Geschichtenklau)
  • „Du könntest es mal mit dieser und jeder Variante probieren“ (Lösungsvorschlag),
  • „Sei doch froh, dass du noch Eltern hast und ihr euch gut genug versteht, dass ihr euch besucht“ (beschwichtigen / beschönigen wollen) oder auch
  • „ja, Eltern sind einfach so anstrengend, das höre ich von so vielen!“ (Verbrüderung / Verschwesterung)
  • Wenn ich ein Elternteil bin und mein Kind das Thema bei mir adressiert: „aber ich versuche doch alles was ich kann“ oder „du bist ja selbst nicht besser“ (verteidigen oder angreifen)
  • … to be continued 🙂

Was passiert bei dieser Art von „Empathie“?

Was passiert bei meinem Gegenüber nun? Unterstütze ich damit seinen Prozess, das Gefühl tief in sich wahrzunehmen? Es wirklich auszudrücken? Seine Hilflosigkeit/Wut/Angst/Ohnmacht/Trauer (oder was auch immer dahintersteckt) wahrzunehmen, damit Raum zu haben und es vielleicht irgendwann gehen lassen zu können? Wohl eher nicht. Bestenfalls hat mein Gegenüber das Gefühl, nicht alleine zu sein. Das hilft dem darunterliegenden Problem aber nur zu einem sehr begrenzten Teil und dämpft vor allem sein ursprüngliches Gefühl, statt ihm den Weg an die Oberfläche zu bereiten. Für mich als (unbewusster) Zuhörer ist das auch super, dem anderen geht es (augenscheinlich) für den Moment besser und ich muss mich damit nicht mehr befassen.

Empathie spielt auch nicht nur bei sogenannten negativen Gefühlen wie Wut, Angst, Trauer und Scham eine Rolle. Sie funktioniert genauso bei Freude (oder eben nicht). Wie oft hat sich schon ein Mann über eine Spielzeugeisenbahn im Schaufenster gefreut und die Frau verdreht die Augen, weil sie seine Begeisterung nicht nachvollziehen kann. Oder die Frau findet gerade eine Blume oder eine Perspektive für ein Foto ganz faszinierend und der Mann quittiert mit einem desinteressierten „sehr schön“. Ja, das sind gerade Klischees, aber als Beispiel vielleicht trotzdem sachdienlich. Wir haben nämlich auch oft verlernt, die Freude und Begeisterung des anderen zu teilen. Es geht ja nicht darum, die Blume auch super schön zu finden, sondern die Begeisterung darüber zu bejahen. „Ich sehe, dass dich das unfassbar glücklich macht und das freut mich sehr.“ Mehr braucht es nicht.

Wie verändert sich das „Ergebnis“ eines Gesprächs, wenn echte Empathie Platz hat?

Die Bezeichnung „Ergebnis“ ist natürlich sehr mathematisch ausgedrückt. Eigentlich geht es darum, wie sich das Gefühl der beteiligten Menschen zueinander und zu dem gemeinsamen Gespräch verändert. Und auch, wie sich nach dem Gespräch die emotionale Ausrichtung verändert – wie sich das ursprüngliche Gefühl, mit dem ich gekommen bin, bewegt hat – kurzfristig und manchmal auch langfristig.

Das sind für mich die beiden Gründe, warum sich Achtsamkeit an dieser Stelle absolut lohnt: Die Verbindung zwischen den Menschen wird tiefer und echte Empathie hat ein großes individuelles Heilungspotential.

Echte Verbindung zwischen Menschen

Es gehört ganz schön Mut und viel Vertrauen dazu, sich mit einem Gefühl seinem Gegenüber wirklich zu zeigen. Am Eltern-Beispiel: Wenn der andere mir den Raum öffnet, alles was da ist, auszusprechen und zu zeigen, dann können da schmerzhafte Erkenntnisse ans Tageslicht kommen. Unter den vielen Schichten von Argumenten die ich sonst immer anbringe finde ich dann plötzlich noch was anderes. Dieses gegenseitige Raum-geben braucht nicht nur viel Vertrauen, sondern schafft auch eine immer tiefere Bindung zwischen Menschen. Weil ich mich in meiner Verletzlichkeit wirklich gezeigt habe – wenn der andere das Halten kann.

Heilungspotential echter Empathie

Es ist das heilsamste auf der Welt, in seinem Gefühl gesehen und ernst genommen zu werden. Anerkannt darin zu sein, dass es gerade einfach nicht leicht ist. Und darin, dass es ok ist, ohne bewertet zu werden. Ohne dass mein Gegenüber über das „fachliche Problem“ (im Beispiel oben der Umgang mit den eigenen Eltern) zu viel sagt. Denn darum geht es meistens sowieso nur an der Oberfläche. Wenn das darunterliegende Thema sich bewegen kann, dann verändert sich das „Symptom“ meist ganz von alleine.

Und nicht zuletzt ebnet echte Empathie den Weg, wieder in eine Weichheit zu kommen in Themen, in denen ich bisher sehr hart war – zu mir selbst oder zu anderen. „Es kann doch nicht sein, dass sich meine Eltern so und so verhalten“ mündet dann vielleicht in einer tiefen Trauer darüber, dass es nicht anders ist und vielleicht auch nie anders wird. Oder in was auch immer es ist, was sich darunter verbirgt.

In diesem Maß oder dieser Intensität ist Empathie natürlich auch gesellschaftlich nicht immer angebracht. Meine ArbeitskollegInnen oder die SupermarktkassiererInnen will ich ja nicht gleich zum Weinen bringen. Diese Form von gesellschaftlich akzeptierter scheinbarer Empathie hat also auch ihre Berechtigung – zumindest solange wir in der Gesellschaftsform leben, in der wir leben. Und dennoch ist es mir mittlerweile sehr wichtig, im Umgang mit meinem Partner, Kindern, engen Freunden und Familie – wo es geht und wo ich möchte – achtsamer zu sein mit meiner Reaktion und Raum zu geben, wenn er gebraucht wird und heilsam-verbindend sein könnte.

Auch Unternehmen würde etwas mehr Verbundenheit und diese Art der echten Empathie natürlich gut tun, aber da sind wir eben im Moment noch nicht. Es gibt aber immerhin erste Schritte in diese Richtung: Hier geht es beispielsweise zum Artikel über das Buch „Reinventing Organizations“ von Frederic Laloux.

Wie geht das denn nun mit der echten, verbindenden Empathie?

Wie immer gibt es keine Bedienungsanleitung, kein 5-Punkte-Plan, tue dies, dann das. Aber ein paar Gedanken und Anregungen zur inneren Haltung um wirklich präsent sein zu können, die gibt es schon. Vielleicht auch nur als Inspiration.

1. Bei der eigenen Haltung anfangen.

Was habe ich an mich für einen Anspruch als Gegenüber? Muss ich helfen? Muss ich eine „Leistung“ erbringen, ein guter Freund/Zuhörer zu sein? Muss es demjenigen nach unserem Gespräch besser gehen? Hier hilft es, aus diesem Druck rauszukommen und Konzepte loszulassen, dass ich als emphatischer Mensch ja helfen können muss. Sonst bin ich nämlich auf jeden Fall bei mir und meinen Bedürfnissen und nur wenig beim anderen. Ich bin einfach da und was passiert, passiert.

2. Bin ich dafür im Moment ein geeigneter Gesprächspartner?

Wenn es ein Thema ist, was mich selbst stark triggert, mit dem ich im Unfrieden bin oder große Wut in mir habe, bin ich wahrscheinlich nicht der geeignete Gesprächspartner. Oder wenn die emotionale Verstrickung mit den Betroffenen einer Situation zu stark ist. Hier hilft es dann – manchmal auch im Gesprächsverlauf – das Gegenüber zu bitten, sich jemand anderen dafür zu suchen. Unter Eltern im Gespräch mit den Kindern kann ich beispielsweise den anderen Elternteil bitten, das Thema zu übernehmen.

Zur Frage, ob ich selbst gerade ein geeigneter Gesprächspartner bin gehört auch die Frage, ob es nicht Themen gibt, die einfacher mit jemandem zu besprechen sind, der da ein bisschen mehr Erfahrung hat als ich Hobby-Psychologin. Dazu gibt es auch einen Artikel: Warum die Welt ein besserer Ort ist, wenn mehr Menschen einen Therapeuten haben.

3. Kurze Reflektion, ob ich dafür gerade wirklich Interesse, Zeit und Nerv habe.

Kann ich gerade wirklich durchatmen, Kiefer, Schulter, Bauch entspannen und dem Thema einen adäquaten Zeitraum widmen? Ganz da sein? Wenn nicht ist es ehrlicher zu sagen „Ich sehe, dass da gerade ein Thema ist was du teilen möchtest und ich habe gerade nicht genug Ruhe / Zeit / Energie um wirklich für dich da zu sein. Können wir das heute Abend besprechen?“ Ist immernoch hilfreicher, als mit einem schnellen Lösungsvorschlag zu kommen, damit ich mit meinem Tagesplan weitermachen kann.

4. Das Gefühl bei dem lassen, der es gerade hat und nicht annektieren.

Und das machen wir so schnell – sei es aus oben genannter Hilfsbereitschaft oder Angst vor den eigenen Gefühlen. Insbesondere wenn die Äußerung ein Feedback uns selbst gegenüber ist („Ich finde, du könntest mehr im Haushalt machen“) fühlen wir uns sofort aufgefordert, Lösungen zu finden, uns zu verteidigen oder zu erklären. Das kann sinnvoll sein (gegebenenfalls im zweiten Schritt), hat aber nichts mit Empathie zu tun. Was ist das Gefühl beim anderen? Ist er überfordert? Fühlt er sich nicht wertgeschätzt und gesehen in dem, was er tut? Gab es gerade ein blödes Chef-Telefonat und Frustration wird abgeladen?
Die Bereitschaft, Gefühle anzunehmen – sogar wenn sie gegen mich gerichtet sind – in dem Wissen, dass sie beim Anderen entstanden sind hat für mich viel verändert. Die Situation kann etwas mit mir zu tun haben, hat aber meistens noch sehr viel mehr mit meinem Gegenüber zu tun.

5. Weniger ist mehr – insbesondere im Bezug auf Worte.

Durchatmen, Zeit zum Fühlen haben und geben, Stille aushalten. All das hilft oft deutlich mehr, als ohne Unterlass zu reden. Warum? Weil Gefühle nunmal gefühlt werden wollen und nicht durchdacht. Sobald wir reden, gehen wir eher in den Kopf. Es kann natürlich hilfreich sein, gegebenenfalls die eigene Wahrnehmung zu schildern, z.B. „Ich habe das Gefühl, das ist gerade insgesamt ziemlich viel für dich?“. Sowas kann helfen, dem Anderen das Gefühl von Präsenz zu geben, aber Worte sind eben nur eine von ganz vielen Möglichkeiten das zu tun. Beispielsweise in einem Telefonat aber natürlich sehr hilfreich.

Und natürlich kann man (irgendwann) Lösungsvorschläge anbringen wenn man glaubt, eine Idee zu haben, die der andere noch nicht hatte. Oder sagen, dass es einem selbst auch manchmal so geht. Oder die positiven Seiten an einem Problem erwähnen, um dem anderen zu ermöglichen seinen Fokus darauf zu richten, falls es ihm oder ihr möglich ist. Aber eben in dem Bewusstsein, dass man damit immer ein Stück den emotionalen Raum des anderen wieder schließt. Es sollte also nicht die allererste Reaktion sein und im Idealfall hat man auch mal gefragt, ob der andere was dazu hören möchte und jetzt schon bereit ist.

Was denkst du über diese Herangehensweise von Transparents? Hast du Erfahrungen, an denen du mich und uns teilhaben lassen möchtest? Ich bin sehr gespannt auf deine Meinung, entweder in den Kommentaren oder an luise@zeitgeistich.de! Und wenn du den Artikel magst – spread the love and share the happiness (auf Facebook, Twitter oder wo du sonst bist). Ich danke dir von Herzen.

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Titelfoto von Dan Meyers auf Unsplash

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